Nur wenige Meter liegen zwischen dem Haus der Kunst und dem Eisbach. Der eine Ort ist ein Zentrum für zeitgenössische Künste, mit komplexer Geschichte. Der andere ein Seitenarm der Isar am Englischen Garten, weit über München hinaus bekannt für seine Surfwelle und das urbane Leben an seinen Ufern. Beide Orte haben ein Gedächtnis, das in Fundstücken, Oberflächen und den Erinnerungen der Menschen weiterlebt.
Diesem Gedächtnis spüren ab dem 26. Juni 2026 zwei Projekte im Haus der Kunst nach. Maria VMier wendet den Blick nach innen und widmet sich mit „I follow the wind through the stone“ dem Haus der Kunst selbst.

Maria VMier,
linking one to the other, holding their difference [∞], 2024-25,
Pigmentierte Kalligraphietinte, Tusche, Pigmente, Graphit, Vinyl und Acryl auf Butcher Paper,
500 × 355 cm
Foto: Maria VMier
Für das neue Auftragswerk hat VMier das Gespräch mit den Menschen gesucht, die hier arbeiten – manche seit Jahrzehnten, andere erst seit wenigen Jahren. Ihre Erzählungen hat VMier in eine Auftragsarbeit übersetzt, die das Gebäude von einer Seite zeigt, die sonst verborgen bleibt.
Mit „Tao Schirrmachers Sammlung. Eisbach Treasures“ zeigt der Europameister im Flusssurfen erstmals in dieser Fülle jene Funde, die er seit 2008 vom Grund des Eisbachs birgt. So begeben sich Maria VMier und Tao Schirrmacher jeweils auf eigene Weise auf Spurensuche und öffnen zugleich den Blick für die vielen Geschichten, die zwei vertraute Orte in sich tragen.
Maria VMier. I follow the wind through the stone
26.6.26 – 7.2.27 | Personaleingang, Passage, Mittelhalle & Eingangsbereich
Seit 2021 vergibt das Haus der Kunst jährlich ortsspezifische Aufträge an Künstler*innen, die den Personaleingang und darüber hinaus gestalten. Aus einer Idee der Pandemiezeit gewachsen, schenkt die Reihe dem Team beim täglichen Betreten des Hauses einen Moment der Inspiration und begleitet zugleich Künstler*innen aus München und der Region an einem entscheidenden Punkt ihrer künstlerischen Entwicklung. Auf Cyrill Lachauer, Jan Erbelding, Paul Valentin, Luisa Baldhuber und Gülbin Ünlü folgt nun Maria VMier.
Mit I follow the wind through the stone gestaltet Maria VMier (geb. 1985 in Passau), in New York lebend, das jährliche Auftragswerk des Haus der Kunst. Aus VMiers Begegnungen mit dem Haus und seinen Menschen ist eine Konstellation miteinander verbundener Werke entstanden, die sich vom Personaleingang über die Passage bis in die Mittelhalle erstreckt.
Am Personaleingang beginnend, hat VMier die großen Außenbuchstaben, die einst als Fassadenschriftzug dienten (2011 – 2020), neu zusammengesetzt und installiert. Aus ihrer Funktion entlassen, fügen sich die verwitterten Metallbuchstaben zu einer neuen Wendung, „Bauch der Kunst“, die in den Bauch des Hauses führt und jenen gewidmet ist, die es täglich am Laufen halten. In der Passage, einem neuen Raum für Einzelprojekte, der an das Auditorium angrenzt, folgen zwei großformatige Zeichnungsinstallationen, die das Gebäude selbst zur Vorlage nehmen und seine Oberflächen in dichte Pinselarbeiten auf Papier übersetzen. In der Mittelhalle sowie dem Eingangsbereich tritt eine Serie kleiner Aluminiumskulpturen aus den Ecken und Ritzen der Marmorpfeiler hervor, inspiriert von den Fossilien im Saalburger Marmor. Das Material sollte der
Mittelhalle Erhabenheit verleihen, während sie in den 1930er Jahren für nationalsozialistische Propaganda genutzt wurde. Irgendwo zwischen Gesicht und organischem Wuchs wirken die Skulpturen wie ein leises Aufbegehren im monumentalen Innenraum. Begleitend zur Arbeit erscheint ein eigens produziertes Künstler*innenbuch, das die aufgespürten Details des Hauses zum Mitnehmen festhält und in der Buchhandlung Walther König im Haus der Kunst zu finden ist.
Xue Tan, Leiterin Programm und Ausstellungen, Chefkuratorin: „Es ist außergewöhnlich, wie tief Maria VMier in die unbekannten Geschichten der Institution eintaucht – einerseits, indem sie den Menschen Anerkennung zollt, die sie tragen, und andererseits, indem sie ihren unausgesprochenen Geschichten eine Stimme verleiht. VMiers Arbeit eröffnet unerwartete Zugänge zur Geschichte des Haus der Kunst und offenbart die Institution als einen lebendigen, vielschichtigen Organismus.“
Kuratiert von Xue Tan.
Das Auftragsprojekt von Maria VMier wird großzügig unterstützt von Sabine und Thomas Bachmaier.
Tao Schirrmachers Sammlung. Eisbach Treasures
26.6.26 – 7.2.27 | Archiv Galerie
„Da unten ist eine völlig andere Welt. Während oben das Chaos der Welle tobt,
liegen am Grund die stillen Zeugen der Stadtgeschichte.“ – Tao Schirrmacher
Seit 2008 taucht Tao Schirrmacher, Europameister im Flusssurfen, auf den Grund des Münchner Eisbachs hinab und holt an die Oberfläche, was Menschen dort verloren haben. Begonnen hat alles mit einem einzelnen Goldring. Über die Jahre ist daraus eine umfangreiche Sammlung von Fundstücken gewachsen: Schmuck, Autoschlüssel, Uhren, Devotionalien, Papiere, Werkzeuge, Telefone, Kameras und vieles mehr. So unterschiedlich die Funde sind, so verschieden sind die Geschichten, die sie mit sich bringen. Doch wem haben diese Dinge einmal gehört, bevor sie im Eisbach landeten? Manche scheinen versunken und vergessen, andere geben einen Hinweis auf ihre Vergangenheit – wie zwei Eheringe, die durch gleiche Details und Gravur offensichtlich zusammengehören. Ihre Geschichte aber erzählen die Funde nie ganz zu Ende.
Bedeutsam werden diese Dinge nicht durch ihren materiellen Wert, sondern durch das, was in ihnen mitschwingt – Erinnerungen und Verbindungen zu Menschen, Orten und besonderen Momenten. Schirrmachers Sammlung, die er 2008 „Lost and Drowned“ taufte, entstand aus dem Wunsch, den
Objekten ihre Geschichten zurückzugeben oder neue über sie zu erzählen. „Eisbach Treasures“ schafft damit Verbindungen zwischen dem Haus der Kunst, dem Eisbach und dem Englischen Garten. Gezeigt wird „Eisbach Treasures“ in der Archiv Galerie, jenem zentral gelegenen Ausstellungsraum, der das sichtbare Gedächtnis der komplexen Geschichte des Haus der Kunst bildet.
Seit Mitte der 1990er-Jahre gehört die Befragung von Architektur und Erbe zum Programm des Hauses,
Künstler*innen, die hier ausstellen, greifen aktiv in diese Auseinandersetzung ein. In der Galerie haben über die Jahre unabhängige und subkulturelle Archive ihren Ort gefunden, vom Forum Queeres Archiv München bis zum Plattenlabel Trikont. So widmet sich die Galerie gerade jenen Sammlungen, die unter dem Nationalsozialismus nicht existieren hätten können. In diesem Raum lässt Schirrmachers Sammlung das Gedächtnis der Stadt und das des Hauses für einen Moment nebeneinandertreten.
Sabine Brantl, Leitung Archiv, Kuratorin der Ausstellung: „Tao Schirrmachers Sammlung eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf die Stadt und ihre Menschen, erzählt durch die Dinge, die über die Zeit hinweg auf dem Grund des Eisbachs lagen. In einem der bekanntesten Gewässer Münchens, unweit des Haus der Kunst, ist so ein verborgenes Archiv entstanden, das Spuren und Zeugnisse urbanen Lebens bewahrt. Die Ausstellung bringt diese Zeugnisse ans Licht und zeigt, was die Stadt längst verloren glaubte.“
Kuratiert von Sabine Brantl.












