Eine Bildbefragung zu Alfred Ehrhardts Tabakserien: Vom 12. September bis 20. Dezember 2026 zeigt die Alfred Ehrhardt Stiftung erstmals die historischen Industriefotografien von Alfred Ehrhardt (1901-1984) in einem völlig neuen, zeitgenössischen Licht. Zwischen 1954 und 1963 fertigte Ehrhardt im Auftrag des Tabakkonzerns Reemtsma & Co. zahlreiche filmische und fotografische Arbeiten an. Diese Werke blieben bislang weitgehend unbeachtet und stehen in Kontrast zu seinen bekannten, freikünstlerischen Natur- und Landschaftsaufnahmen. Kuratiert wurde die Ausstellung von Stefanie Regina Dietzel

Ramona Schacht
aus dem Album Tabak -Anbau im Orient I , Sammlung Dr. David Schnur, ca. 1920 –
1930, Fotoarchiv Reemtsma, Museum der Arbeit, Hamburg.
aus dem Tableau Gebeugte Körper, innerhalb der Werkserie Photography’s Claim to Property.
Bilder im Auftrag Reemtsmas
2026
© Ramona Schacht
Die bisher kaum ausgestellten Dokumente bilden das Fundament für die neueste Arbeit Photography’s Claim to Property. Bilder im Auftrag Reemtsmas der Leipziger Künstlerin Ramona Schacht (*1989). Schacht setzt sich intensiv mit den dargestellten Arbeitswelten auseinander und hinterfragt, welche politischen, ökonomischen sowie körperlichen Ordnungen in diesen Bildern sichtbar werden, und welche verdeckt bleiben. Der Rohstoff Tabak ist dabei in Form von selbst gezogenen Pflanzen in der gesamten Ausstellung präsent.

Ramona Schacht
Noch ein Tanz (Detail)
nach einer Sequenz aus dem Auftragsfilm Die
Welt des Tabaks, 1954/55, Alfred Ehrhardt Stiftung, Berlin
2026
Duplex -Siebdruck auf Zigarettenpapier
© Ramona Schacht
Ehrhardts Film „Die Welt des Tabaks“ (1956) sowie die parallel dazu entstandenen Fotografien, dokumentieren verschiedene Produktionsräume des Tabaks. Die Reise führt vom ursprünglichen Tabakanbau in Mazedonien über die technologische Modernität US -amerikanischer Fabriken bis nach Hamburg, um die Produktionskraft des Reemtsma-Konzerns zu inszenieren. Ausgehend davon führte Schacht umfangreiche Recherchen im Reemtsma-Fotoarchiv sowie in weiteren Archiven zur Tabakproduktion der 1920er bis 1950er Jahre durch und verschiebt somit den Blick vom einzelnen Dokument hin zu übergreifenden Bildordnungen. Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Archivmaterial ist dabei bewusst fragmentarisch angelegt, da kein einzelnes Bild heute die gesamte historische Realität tragen kann. Aus einer gesellschaftskritischen Perspektive untersucht sie, wie weibliche Arbeit in Ehrhardts Bildern zugleich sichtbar gemacht und bewertet wird.

Ramona Schacht
Tableau Gebeugte Körper (Detail)
innerhalb der Werkserie Photography’s Claim to
Property. Bilder im Auftrag Reemtsmas
2026
© Ramona Schacht
Im Film tritt die weibliche Arbeit vor allem in Masse und Rhythmus auf. Auf dieser Beobachtung basieren die ersten beiden Werkgruppen, für die Schacht direkte Eingriffe in Ehrhardts Aufnahmen vornimmt. Ihre Tableaus mit den sprechenden Titeln Gebeugte Körper und Vorbestimmte Besetzung aus verschiedenen Momentaufnahmen der Arbeit auf den Tabakfeldern und in den Fabrikhallen legen die Strukturen der industriellen Bildsprache sowie die Gesten und Körperhaltungen der Arbeiterinnen offen. Die Frauen sind nicht nur passiv ins
Bild gesetzt, sondern bestimmen aktiv dessen Komposition. Schacht isoliert Fluchtlinien, Zentralperspektiven, Wiederholungen sowie geometrische Ordnungen, übersetzt diese in präzise Linien und Punkte und lässt so ein neues grafisches Gerüst entstehen.
Das Motiv des gebeugten, weiblichen Körpers reicht weit über die Tabakproduktion hinaus und erinnert an kunsthistorische Ikonen wie Jean -FranÁois Millets Die Ährenleserinnen von 1857. Solche Darstellungen wurden oft ästhetisiert und in einer Schönheit gezeigt, welche die Härte der realen Arbeit abmildert. Entsprechende kunsthistorische Querverweise in den Vitrinen machen Schachts Rechercheprozess direkt greifbar. Im Fall der Feldarbeiterinnen führt der Weg zu Fotografien aus dem sogenannten „Krim -Album“ von 1943 aus dem Reemtsma-Archiv.
Diese Dokumente öffnen die kritische Frage nach der Geschichte der Tabakproduktion während des Nationalsozialismus, insbesondere nach der Zwangsarbeit auf der Krim. Schacht überführt eine Fotografie von Feldarbeiterinnen in ein aufwendiges Jacquard-Gewebe. Damit verweist sie auf historische Tapisserien und Wandbehänge, die lange Zeit als Medien von Macht, Besitz und herrschaftlicher Ausstattung dienten. Auch in der Auftragsfotografie werden Arbeiterinnen stets doppelt vereinnahmt, sowohl durch die Unternehmen als auch durch die
Kamera des Fotografen.
In einem inszenierten Gespräch begegnet Schacht einem fiktiven Filmemacher der Nachkriegszeit aus der heutigen Perspektive und befragt seine Rolle als Autor, Regisseur und Sprecher. Diese als eigenständige filmische Arbeit präsentierte Begegnung führt die unterschiedlichen Ebenen der künstlerischen Recherche zusammen. Der historische Film, die Archivbilder, der männliche Blick, die Frage nach historischer Verantwortung und die Möglichkeit, geschichtliches Material aus einer gegenwärtigen Sichtweise neu zu lesen, werden so verknüpft. Über alle Ebenen hinweg lädt die Ausstellung dazu ein, historische Bilder nicht als neutrale Dokumente zu behandeln. Sie ermöglicht eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Schichten von Geschichte, Arbeit und kultureller Wahrnehmung. Besonders bei der Darstellung weiblicher Arbeit eröffnet Schacht neue Sichtachsen auf oft übersehene Realitäten in den Produktionsprozessen, darunter prekäre Arbeitsverhältnisse, globale Lieferketten und Körper, die durch ökonomische Systeme kontrolliert und austauschbar gemacht werden. Ihre
Recherche ist kein reiner Blick zurück, sondern der präzise Versuch, in den historischen Bildern Strukturen zu erkennen, die bis in die Gegenwart spürbar nachwirken.









