Balthasar Burkhard (1944-2010) gehört zu den bedeutenden Schweizer Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die mit dem Erhalt des fotografischen Kulturerbes beauftragete Fotostiftung Schweiz betreut sein Archiv seit 2022. Jetzt sind rund 2800 Silbergelatineabzüge aus verschiedenen Werkgruppen aufgearbeitet und für die Öffentlichkeit zugänglich.

Balthasar Burkhard
Mexico City, 1999
Silbergelatineabzug, Baryt-Papier, Vintage Abzug
© Vida Burkhard / Fotostiftung Schweiz
Burkhard verstand sich als Künstlerpersönlichkeit. Damit setzte er sich von den in den 1960er und 1970er-Jahren tätigen Reportagefotograf:innen ab und wurde prägend für die Etablierung der Kunstfotografie in Sammlungen renommierter Museen. Ins kollektive Gedächtnis der Schweiz und international brannten sich seine Landschaftsfotografie (vom Chlöntal bis zum Rio Negro), Flugaufnahmen über Metropolen (Mexiko City, Chicago) und über die Alpen, Tier-Porträts wie «Der Pavian» und «Little Donkey», 1996, Blumen-Stilleben vor schwarzem Hintergrund und fragmentierte Akte.

Balthasar Burkhard
Torso, 1984
Silbergelatineabzug, PE-Papier, Vintage Abzug
© Vida Burkhard / Fotostiftung Schweiz
Der Mann hinter den Bildern
Das Archiv gibt einen Ein- und Überblick über diese vielfältigen Bilduniversen. Entdeckt wird ein Mann, der nicht nur in der Wahl seiner Motive experimentierte, sondern mit Form, Ausschnitt und Fokus. So entdeckte das Team der Fotostiftung zum Beispiel, dass die Werkgruppe der Körper zahlreiche Entwürfe und konzeptionelle Vorarbeiten enthält. Ein Glücksfall, der den Arbeitsprozess Burkhards nachvollziehbar macht.

Balthasar Burkhard
Shanghai, 2005
Silbergelatineabzug, Baryt-Papier, Vintage Abzug
© Vida Burkhard / Fotostiftung Schweiz
Werkübersicht ist jetzt digital für alle Interessierten nutzbar
Für Forschende im Bereich Kunstfotografie und Ausstellungspraktiken ab den 1970er Jahren ist die Erschliessung des Archivs von besonderem Interesse. Als «Chronist» der Kunsthalle Bern, hat Burkhard dem später weltbekannten, ersten freien Ausstellungsmacher, Harald Szeemann über die Schulter geblickt. Nun können Ausstellungsmacher:innen anhand von Referenzprints valididerte Abzüge für ihre Ausstellungen anfordern. Medien und Verlage erhalten hochaufgelöste Bildvorlagen zum Abdruck in Katalogen oder zur Illustration ihrer Beiträge im Netz. Vor Ort in Winterthur sind die allermeisten Publikationen über Balthasar Burkhard in der Bibliothek greifbar, die die Fotostiftung gemeinsam mit dem Fotomuseum unterhält. Andere Dokumente, wie das Skript eines Vortrags, den Burkhard 1976 an der University of Illinois in Chicago hielt, werden auf Voranmeldung aus dem klimatisierten Depot geholt. Aussagen, die Burkhard damals machte, zeigen uns den Menschen hinter dem fotografischen Schaffen. Seine Motivation, seine Grenzen, sein Selbstverständnis.
Burkhard über Burkhard
«Akte sind mir nie gelungen. Die Versuche habe ich verworfen. Die verworfenen Fotos sind aber ebenso wichtig, wie die realisierten.»
Diese selbstkritische Einschätzung traf der Fotograf bevor er sich in einem grossen Körperprojekt ca. 1980-1993 seinen Modellen mit der Linse angenähert hat – mit einer präzisen, fast chirurgischen Art, Ausschnitte des Körpers aufzunehmen.
«Diese Fotos [Landschaften] beschränken die Aussage auf ein Minimum. […], wichtig ist die Leere. Ich wollte alles weglassen, was mich betraf, damit übrig bleibt, was mich wirklich betrifft: Ich gewann Distanz zu meinem Objekt. Ich gewann Distanz zu mir und meiner Arbeit.»

Balthasar Burkhard
Rio Negro, 2002
Silbergelatineabzug, Baryt-Papier
© Vida Burkhard / Fotostiftung Schweiz
Auf die Frage, ob er Vorbilder habe, antwortete Burkhard: «Alberto Giacometti ist mir als Künstler sehr nah. Er arbeitet mit der Wahrnehmung, mit Licht und mit Schatten, wie der Fotograf.»
Nach der Gesamtschau aller bedeutenden Werkserien, die die Fotostiftung mit der Groberschliessung des Archivs und der Veröffentlichung der Referenzprints ermöglicht, steht die Tür für weitere Forschungsvorhaben offen.
Die Fotostiftung Schweiz ist eine Gedächtnisinstitution, die sich der Erhaltung, Erforschung und Vermittlung der Fotografie als Kulturgut der Schweiz widmet.







