Ein Thema, drei Perspektiven: Aufzeichnung einer Gesprächsrunde mit Alexander Goldberg (stiftung ear), Dr. Lennart Osthoff (Repartly) und Carine Chardon (GFU Consumer & Home Electronics GmbH). Nachhaltiges Wirtschaften ist auch für die Imaging Branche ein wichtiges Argument geworden. DArum haben wir hier ein Interview zum Thema von der GfU
GFU: Herr Goldberg, die von Ihnen geführte Stiftung koordiniert die Abholung und Aufstellung von Transportbehältnissen auf den Wertstoffhöfen der Städte und Gemeinden für Elektroaltgeräte. Haben wir in Deutschland ein Elektroschrottproblem und wenn ja, was ist die Lösung?

Alexander Goldberg: Von einem Elektroschrottproblem in Deutschland würde ich nicht sprechen. Elektroaltgeräte sind weltweit der am schnellsten wachsende Abfallstrom. Alte Elektrogeräte werden als gefährliche Abfälle eingestuft, die separat gesammelt werden müssen. In Deutschland können Bürger ihre alten Geräte bei den Kommunen und im Handel kostenlos zurückgeben. Dennoch werden viele Geräte noch immer nicht oder nicht richtig entsorgt, weshalb uns wichtige Ressourcen entgehen. So werden viele alten Elektrogeräte z. B. zu Hause aufbewahrt, wie Smartphones in der Schublade, kleine Geräte im Hausmüll entsorgt oder dem fahrenden Sammler an der Haustüre mitgegeben. Dadurch können die Rohstoffe, die in den Altgeräten enthalten sind, nicht recycelt werden und stehen der Kreislaufwirtschaft somit nicht zur Verfügung, wie z. B. bei der Produktion neuer Geräte.
Die stiftung ear wurde 2005 durch das Umweltbundesamt mit hoheitlichen Vollzugsaufgaben aus dem Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) und in 2021 aus dem Batterierecht beliehen. Die Registrierung der Hersteller ist dabei eine wesentliche Aufgabe der stiftung ear. Im Bereich des ElektroG koordiniert die stiftung ear zudem, dass alle bei den Kommunen gesammelten Elektroaltgeräte durch die jeweils verpflichteten Hersteller und ihre Entsorgungsdienstleister abgeholt, ordnungsgemäß behandelt und entsorgt werden. Bei der Abholung der Altgeräte stellen die Dienstleister der Hersteller den Kommunen zudem wieder leere Sammelbehältnisse zur Verfügung. Ein großer Vorteil dieser Abholkoordination durch die stiftung ear ist, dass alle bei den Kommunen gesammelten Altgeräte immer abgeholt werden, also nichts stehen bleibt.
GFU: Herr Osthoff, Sie haben es sich mit dem von Ihnen gegründeten Unternehmen zur Mission gemacht, dass defekte Elektro-Geräte häufiger repariert werden. Was sind die größten Hebel für eine bessere Reparaturkultur, und wie wird Reparatur zum Business Case?

Dr. Lennart Osthoff – Geschäftsführer Repartly.
Dr. Lennart Osthoff: Zu aufwändig, zu wenig Fachkräfte in den Service-Werkstätten und zu teure Ersatzteile: Das sind die Gründe, warum Haushaltsgeräte mit defekten Elektroniken bislang nicht repariert werden. Wir verfolgen bei Repartly einen Ansatz, der genau diese Probleme aufhebt. Unsere automatisierte Reparatur-Strecke mit den von uns trainierten kollaborativen Robotern ermöglicht schnelle, kostengünstige Reparaturen. Gleichzeitig bringen wir mit unseren generalüberholten Elektroniken erstmals professionelles Refurbishment in die Branche und bieten damit eine preislich attraktive Alternative zu Original-Ersatzteilen. Reparieren muss sich lohnen, damit es zum Standard wird – das ist der entscheidende Hebel.
Carine Chardon: Eine große Herausforderung bleibt auch das Wissen der Konsumenten, ob und wie bzw. durch wen Elektrogeräte im Defektfall repariert werden können, bzw. wann sich das eigentlich noch lohnt. Eine aktivere Information und mehr Transparenz zu gewährleisten, macht daher Sinn. Das betrifft nicht nur das Reparatur-Thema, sondern auch die richtige Entsorgung von Altgeräten. Wir sehen, dass Elektroschrott allein nicht das Problem ist, sondern vielmehr der Umgang damit. Mir ist wichtig, das Thema Reparatur nicht isoliert zu besprechen, am Ende greift das alles ineinander. Bei fachgerechter Entsorgung ist die Abfall- und Recycling-Wirtschaft in der Lage, wertvolle Rohstoffe wiederzugewinnen und dem Kreislauf zuzuführen. Auch das ist ein Baustein von Nachhaltigkeit in der Konsumgesellschaft. Die Awareness über den Beitrag jeden Einzelnen in der Konsumgesellschaft dazu steigt zwar, jedoch noch nicht im ausreichenden Maße.

Carine Chardon,Geschaeftsfuehrerin GFU.
GFU: Herr Osthoff, wie würden Sie die Beziehung von Repartly zu Fachhändlern und Herstellern beschreiben: Sind Sie für Industrie und Handel eher Kooperations-Partner oder doch Wettbewerber?
Dr. Lennart Osthoff: Weder der Fachhandel noch die Hersteller sind auf Kreislaufwirtschaft vorbereitet. Repartly kann als Wegbereiter für skalierbare, nachhaltige Reparatur-Lösungen der Game Changer für Handel und Industrie sein. Ich bin überzeugt, dass Kreislaufwirtschaft nur dann funktioniert, wenn davon alle Marktteilnehmer profitieren. Genau darauf ist unser Geschäftsmodell ausgerichtet.
GFU: Sind Reparaturen immer der bessere – und nachhaltigere – Weg, Frau Chardon?
Carine Chardon: Hier ist eine differenziertere Betrachtung sinnvoll. Grundsätzlich gilt natürlich: Elektro-Geräte sollten möglichst lange genutzt und nicht entsorgt werden, wenn sie noch funktionsfähig oder reparierbar sind. Gleichzeitig kann es sein, dass sich eine Reparatur für die Betroffenen aus ökonomischen und/oder ökologischen Gesichtspunkten nicht immer lohnt: Wenn zum Beispiel die Kosten der Reparatur den Wert des Gerätes übersteigen, oder ein neueres Modell deutliche Vorteile bietet, ist der Neuerwerb eine nachvollziehbare Alternative. So kann ein neueres Gerät etwa effizienter in Bezug auf Strom- bzw. Wasserverbrauch oder auch schlicht zusätzlichen Nutzen durch Services bieten. Die Entsorgung des defekten Geräts ist aus Nachhaltigkeits-Gesichtspunkten nicht per se schlecht – immer vorausgesetzt, die fachgerechte Entsorgung ermöglicht gleichzeitig die Wiedergewinnung von Ressourcen und ihre Zurückführung in den Wirtschaftskreislauf. Es geht um eine Abwägung der gegebenen Faktoren und gesamtheitliche Betrachtung. Die schlechteste Entscheidung ist, defekte Geräte „zu bunkern“ oder falsch zu entsorgen – etwa im Restmüll oder sie auf die Straße zu stellen. Das passiert leider, gerade in Großstädten, noch häufig.
GFU: Was passiert eigentlich genau mit den Geräten, die über die Wertstoffhöfe und kommunalen Sammelstellen zurückgeführt werden?

Alexander Goldberg (stiftung ear)
Alexander Goldberg: Die gesammelten Elektroaltgeräte werden in einer zertifizierten Erstbehandlungsanlage sortiert und von Schad- und Störstoffen, wie z. B. Batterien, Kondensatoren und Druckerpatronen befreit. Die Altgeräte und Bauteile werden auch auf eine mögliche Vorbereitung zur Wiederverwendung hin überprüft. Anschließend werden die Gerätefraktionen mechanisch zerkleinert, um die sich daran anschließenden Sortier- und Trennverfahren zu ermöglichen. Mittels verschiedener Trennverfahren werden dann einzelne Stofffraktion wie z. B. Eisenmetalle, Nichteisenmetalle und Kunststoffe separiert, die u.a. als Sekundärrohstoffe für die Produktion von neuen Elektrogeräten zur Verfügung stehen.
Im Rahmen ihrer Verbraucheraufklärungskampagne Plan E, informiert die stiftung ear die Bürger z. B. auch über das Recycling anhand kurzer Filme. [1]
GFU: Welche Rolle spielt die Wiederaufbereitung von Altgeräten (Refurbishment) bei ihrem Geschäftsmodell? Wann ist eine Reparatur ökologisch (noch) sinnvoll?
Dr. Lennart Osthoff: Mit unseren generalüberholten Elektroniken für eine Vielzahl verschiedener Marken verfügt Repartly im Ersatzteilmarkt schon heute über ein breites Refurbishment-Angebot. Wiederaufbereitete komplette Geräte zurück in den Kreislauf zu bringen ist der logische nächste Schritt, mit dem wir uns natürlich befassen. Mit unserem schlanken, kostengünstigen Reparatur-Ansatz ist die Instandsetzung oder Aufbereitung eines Haushaltsgeräts fast immer sinnvoll, auch unter ökologischen Gesichtspunkten. Die einzige Ausnahme können extrem veraltete Geräte mit einer sehr schlechten Energieeffizienzklasse sein. Das gilt es dann im Einzelfall abzuwägen.
GFU: Entgehen der Kreislaufwirtschaft nicht wichtige Rohstoffe, wenn Geräte über ihren primären Lebenszyklus hinaus mittels refurbishement im Verkehr bleiben?

Alexander Goldberg: Es ist zutreffend, dass potentielle Rohstoffe in einem Altgerät der Kreislaufwirtschaft fehlen, wenn es als Abfall nicht richtig entsorgt und recycelt würde. Bei gebrauchten Geräten, die noch kein Abfall sind, muss regelmäßig abgewogen werden, ob sich deren Generalüberholung noch rentiert oder nicht. Das ist letztendlich eine Frage der Verhältnismäßigkeit, insbesondere mit Blick auf die Kosten, den C02 Fußabdruck und die persönliche Einstellung. Auch für gebrauchte Geräte, die sich professionell noch generalüberholen lassen, werden Menschen Geld ausgeben, wenn sie z. B. eine besondere Affinität zu einem Gerät besitzen oder solche Geräte nicht mehr hergestellt werden. Zudem kann die C02 Bilanz beim Refurbishment bestimmter Geräte besser ausfallen als bei der Herstellung eines entsprechenden neuen Gerätes. Andererseits können aber z. B. neue Geräte auch deutlich effizienter arbeiten und z. B. weniger Strom verbrauchen, was eine Neuanschaffung sinnvoll machen kann.
GFU: Wie lässt sich Recycling effizient in die Reparatur- und Refurbishment-Kette integrieren, und wo liegen die Herausforderungen für Verbraucher:innen und Unternehmen?
Dr. Lennart Osthoff: Wir binden bei Repartly nicht nur Hersteller und Handel in unser Geschäftsmodell ein, sondern arbeiten auch eng mit Recycling-Partnern zusammen. So haben wir eine App entwickelt, die basierend auf aktuellen Marktdaten beim einfachen Scan der Gerätenummer mitteilt, welche Ersatzteile aus diesem Modell für ein Refurbishment in Frage kommen und wo sich diese befinden. Unsere Partner bauen diese Teile aus und verkaufen sie an Repartly. Statt einem Ende in der Schrottpresse gelangen sie dann als generalüberholte Ersatzteile wieder in den Kreislauf. Wir wissen übrigens aus eigenen Marktstudien, dass Verbraucher:innen dem Thema Refurbishment bei Haushaltsgeräten extrem offen gegenüberstehen – vor allem, wenn der Fachhandel als Vertrauenspartner im Spiel ist. Warum sollte bei der Weißen Ware also nicht funktionieren, was sich im Gebrauchtwagenmarkt oder bei Mobiltelefonen längst etabliert hat.

Screenshot Repartly Webseite
Alexander Goldberg: Das Recycling von Geräten greift immer dann, wenn ein Gerät zum Altgerät, also Abfall geworden ist. Die Herausforderung für den Bürger ist es zu erkennen und einzuschätzen, wann sich eine Reparatur, ein Refurbishment noch rentiert und wann nicht.
GFU: Herr Goldberg, wie sehen Sie die Sammel-Quoten für Altgeräte – ist das aus Ihrer Sicht ein sinnvolles Instrument?
Alexander Goldberg: Die Sammelquotenvorgaben der Richtlinie 2012/19/EU sind lebensfremd und ungeeignet für die Praxis. Die EU gibt heute vor, dass 65 % der in den letzten drei Jahren im Durchschnitt in Verkehr gebrachten Elektrogeräte, als Altgeräte gesammelt werden müssen. Erstaunlicherweise hat die EU dabei keine einheitlichen Verfahren für die Bemessung der in Verkehr gebrachten und gesammelten Mengen oder die Quotenberechnung festgelegt. Vielmehr können Mitgliedsstaaten hier relativ frei agieren und z. B. in Verkehr gebrachte wie auch gesammelte Mengen schätzen, den Anwendungsbereich enger auslegen und mehr Produkte ausnehmen, Produktgewichte unterschiedlich anwenden, Trittbrettfahrer nicht verfolgen etc. Auch der Zeitraum von drei Jahren ist ungeeignet, um die Massen langlebiger Produkte, wie z. B. Kühlschränke und PV-Module, richtig und ausreichend zu berücksichtigen. Alle diese Aspekte haben Einfluss auf die relevanten Mengen und letztendlich die Sammelquote. In der Praxis zeigt sich, dass die Sammelmengen und -quoten daher weder vergleichbar sind, noch lassen sie seröse Aussagen zu, wie effizient Kreislaufwirtschaft in einem Mitgliedsstaat tatsächlich funktioniert. Dennoch wird diese ungeeignete Sammelquote immer wieder bemüht, um die Einführung kollektiver Sammelsysteme in Deutschland zu bewerben, ohne dabei zu erklären, wo und wie genau die angeführten Mehrmengen von bis zu 1,2 Mio. t im Jahr überhaupt tatsächlich gesammelt werden könnten. Zudem sind die Sammelquote und ihre Berechnung zu kompliziert, um sie in der Verbraucheraufklärung vernünftig nutzen zu können. Hier würde sich vielmehr wieder ein Ziel in Kilogramm pro Einwohner anbieten.
GFU: Wie kann man bei der Bevölkerung das Bewusstsein schaffen bzw. die Bereitschaft steigern, Altgeräte aktiv zu entsorgen?
Alexander Goldberg: Hier setzt seit Ende 2019 die stiftung ear mit ihrer Aufklärungskampagne Plan E an, um die Bürger unterhaltsam und ansprechend über die einfachen Möglichkeiten für die richtige Entsorgung ihrer Altgeräte zu informieren. Die Kampagne erreicht die Menschen und verändert ihre Einstellung und ihr Wegwerfverhalten positiv. Verbraucheraufklärung ist eine wichtige und dauerhafte Aufgabe, die erforderlich ist, um Rohstoffe für die Kreislaufwirtschaft zurückzugewinnen. Details finden sich auf der Plan E Kampagnenwebseite unter https://e-schrott-entsorgen.org/index.html.
Carine Chardon: Aufklärung ist der Schlüssel, daher ist die Kampagne der Stiftung ear so wichtig – und genau richtig aufgesetzt. Ich wünsche mir, dass diese noch viel breiter ausgespielt und wahrgenommen wird. Manchmal reichen prägnante Kleinigkeiten, um im Kopf der Menschen hängen zu bleiben. Dazu ein fun fact: Das aus Kühlschränken gewonnene Eisen kann beispielsweise zur Herstellung von Eisenbahnschienen verwendet werden, Isoliergase aus Kältemitteln werden zur Herstellung von Dachisolierungen eingesetzt oder Kunststoffen für die Spielzeugherstellung!
GFU: Abschließend: Welchen Impact wird die EU-Richtlinie zur Förderung der Reparatur von Waren, die in Kürze in deutsches Recht umgesetzt wird, in der Praxis haben?
Dr. Lennart Osthoff: Wenn die deutschen Verbraucher:innen realisieren, welchen Anspruch auf Reparaturen sie haben, wird die Nachfrage massiv zunehmen. Wir bieten dem Fachhandel mit unserer Reparatur-Lösung und unseren generalüberholten Ersatzteilen die Möglichkeit, die neue Gesetzgebung nicht als Bedrohung zu erleben, sondern darin eine geschäftliche Chance zu erkennen. Denn wer seinen Kund:innen attraktive Reparaturen anbieten kann, erhöht die Zufriedenheit und stärkt langfristig die Kundenbindung.
Carine Chardon: Aus meiner Sicht wird der Richtlinientext selbst wenig unmittelbare Auswirkungen haben. Verbraucher:innen hatten schon immer die Möglichkeit, Geräte reparieren zu lassen, der Begriff „Recht auf Reparatur“ ist insofern irreführend. Die Menschen haben diese aber aus guten Gründen nur selten wahrgenommen, etwa weil ihnen die Reparatur zu lange dauerte, zu teuer war oder weil sie schlicht Lust auf ein neues Gerät hatten. Gleichzeitig sehen wir, dass die Richtline der ganzen Thematik in den letzten zwei Jahren eine große Öffentlichkeit gegeben hat und – jedenfalls in Fachkreisen – für viele Diskussionen und damit mehr Aufmerksamkeit gesorgt hat. In der Folge entstehen zuletzt verstärkt Geschäftsmodelle, die Reparaturwirtschaft und Refurbishement in den Fokus nehmen, Repartly ist ein gutes Beispiel hierfür. Auch die deutschen Fachhandelskooperationen haben kürzlich gemeinsame Anstrengungen für mehr Reparaturen angekündigt. Somit hat die EU-Politik mittelbar doch einen wichtigen Beitrag geleistet, um die Reparaturkultur zu stärken. Offen ist noch die in der Richtlinie geforderte „nationale Maßnahme“ zur Stärkung der Reparaturkultur: Wir sehen hier einen klaren Auftrag an die Bundesregierung, diejenigen Wirtschaftsakteure zu unterstützen, die de facto und unter Einsatz von wirtschaftlichen Ressourcen und Geschäftsrisiken zu beitragen, dass Reparaturen durchgeführt werden -Industrie, Handel und weitere, etwa Versicherer.
(1)https://e-schrott-entsorgen.org/recyclingprozess.html







