Gestärkt durch die Erfrischungen und vielen Köstlichkeiten, die Inhaber Manfred Schneider im traditionellen Backhaus Annamühle aufgefahren hatte, geht der lange Marsch durch die Installationen der Ausstellungen des Festivals La Gacilly-Baden-Photo unter der Führung und Moderation des Festival-Direktors Lois Lammerhuber weiter. Auch die nächste Station führt – wie schon die KI-Bilder von Christph Künne in der Annamühle – in die Vergangenheit.
Gina Soden – Die Schönheit verwehter Zeit
Diesmal geht es ausnahmsweise nach innen in die verlassenen Räumlichkeiten des ehemaligen Stiftes Heiligenkreuzerhof, direkt neben der Hauer Vinothek am Brusattiplatz 2. Die für das Festival ausgesprochen untypische Indoor-Präsentation konnte jedoch passender kaum gewählt werden: Für die Installationen der Bilderserie mit dem Titel „Die Schönheit verwehter Zeit“ der britischen Fotografin Gina Soden, die magische „Lost Places“ zeigt, kann man sich kaum eine bessere Location vorstellen.

Eingangsbereich zu der ‚Lost Places‘ – Ausstellung von Gina Soden.
© Heiner Henninges
Die Leidenschaft der 1985 geborenen Fotokünstlerin gehört solchen verwunschen wirkenden Orten. Ihre Faszination für verlassene und verfallene Gebäude beruht auf der Stille, die diese ausstrahlen. Sie ist gefangen von den Strukturen und Farben, die ihnen innewohnen. Gina Soden ist ständig auf der Suche nach derartigen Motiven. Wenn sie einen verlassenen Ort betritt, sind es neben die Stille, die sie zuerst beeindruckt, die rissigen Wände, zerbrochenen Fenster, abblätternden Farben, staubigen Möbel und das wild wuchernde Unkraut.

Gina Soden erzählt in der Ausstellung „Die Schönheit verwehter Zeit“ von ihrer Faszination für verlassenen Orte.
© Heiner Henninges
Statt der Trostlosigkeit solcher Orte zu erliegen, die jeder verlassen zu haben scheint, macht Gina Soden sie zu ihrem Reich, zur Leinwand für ihre künstlerische Arbeit. Die Fotografin durchstreift Europa auf der Suche nach verwunschenen Schlössern, verfallenen Krankenhäusern, stillgelegten Fabriken oder verlassenen Herrenhäusern.

Gina Soden Installation im Heiligenkreuzerhof, am Brusattiplatz, Baden.
© Heiner Henninges
Ihr Ansatz ist nicht dokumentarisch. Sie experimentiert lieber bei der Komposition ihrer Bilder, um diese Orte künstlich und künstlerisch wieder zum Leben zu erwecken. Jedes Bild offenbart eine wahrhaft malerische Ästhetik. Dabei wirken ihre Arbeiten weder düster oder beunruhigend. Sie regen zum Nachdenken an über unser Erbe und unsere Beziehung zur Vergangenheit.

Lost Places, aufgenommen von Gina Soden, die die Fantasie der Betrachtenden beflügeln.
© Heiner Henninges
In einer Zeit, die von Schönheit, Neuheit, Perfektion und Glätte besessen ist, beschäftigt sich Gina Soden in ihren Werken mit Verfall, Zersetzung, Verschleiß, Sterben oder zumindest mit dem Verschwinden von etwas. In den verlassenen Räumlichkeiten im ersten Stock des ehemaligen Stifts im Heiligenkreuzerhof, verschmelzen die Bilder mit der realen Kulisse, die sich dort bietet.
Martin Parr – Fashion Faux Parr
Die Bilderserie „Fashion Faux Parr“ zählt zu den witzigsten und doch weniger bekannten Werke des im letzten Herbst verstorbenen Ausnahmekünstlers Martin Parr. Niemand hat Gesellschaftskritik so treffend und dennoch immer mit einem Augenzwinkern visualisiert wie er. Die humorvollen Fotografien die am Busattiplatz an der Fassade des Heiligenkreuzerhofes und des Restaurants Padun am Markt hängen, zeigen Parrs ironischen Sehweise auf Auswüchse der Mode. Eine Auswahl aus der Serie bildete auch eines der Highlights der letzten große Ausstellung unter dem Titel „Grand Hotel Parr“ im neuen Museum in Nürnberg, die in Kooperation mit dem virtuellen Fotobook Museum zustande kam und noch von ihm selbst eröffnet werden konnte.
Die Vorbesitzer des Padun Marc und Dawn führten noch im Vorjahr das für seine Fischspezialitäten bekannte Restaurant Marktamt und waren weit über Badens Grenzen hinaus für ihre Fischspezialitäten und selbst gezüchteten Austern bekannt. Heute betreiben die beiden in Pörtschach am Wörthersee das Marktamt im JO. Der Name des neuen Padun am Markt, das die Badener Gastronomen Familie Nushi seit Mai betreibt, ist nicht weniger anspruchsvoll und wendet sich an ein gehobenes Publikum, das sich in Fashion Faux Parr Fotografien wiederfinden könnte. Ähnliches gilt für die Badener Hauervinothek über deren Fassade am Heiligenkreuzerhof am Brusattiplatz der erste Teil der Bildserie hängt.

Martin Paar „Fashion Faux Paar“ Installation an der Fassade des Restaurants Padun am Markt
© Heiner Henninges
Martin Parr war kein Modefotograf. Seine knallbunten Fotografien zeigen seine im Alltag wurzelnde, einzigartige Sicht auf unsere Welt. Sie fangen im scheinbar Banalen des Alltags ehrlich und ungefiltert das Wesentliche des Lebens ein. Trotzdem verletzen seine Bilder nicht. Im Festivalkatalog heißt es: „Viel mehr erinnern uns Martin Parrs Fotografien daran, dass wahre Schönheit in der Authentizität eines jeden Augenblicks liegt.“
Seit 1980 hat Martin Parr auch im Auftrag zahlreicher Modehäuser und Modemagazine fotografiert. Anders als üblich gehört es zum unverwechselbaren Stil des Künstlers, Mode statt als glamouröses, perfektes Ideal darzustellen, sie in realen, oft überraschend banalen Umfeld zu inszenieren. Auch seine Modefotos wirken spontan und ungestellt. Sie lassen – wie es im Katalog heißt – „einen spannenden Kontrast zwischen der künstlichen Welt der Mode und der Unmittelbarkeit des Alltags“ entstehen.

Cover des ausverkauften, im Phaidon Verlag erschienenen Bildbandes „Fashion Faux Parr“, der erstmals über 250 Modefotografien von Martin Parr versammelte.
Das seit langem ausverkaufte Buch „Fashion Faux Parr“, erschienen im Phaidon Verlag, versammelte erstmals in einem Buch Martin Parrs Sammlung von Modefotografien. Es enthält über 250 Farbfotos, von denen viele bis dahin unveröffentlicht waren. Sie zeigen ein weites Spektrum an Modearbeiten, die teilweise im Rahmen redaktioneller Kooperationen mit führenden Magazinen und Modehäusern wie „Vogue“, Balenciaga und Gucci entstanden. Sie sind aber auch Schnappschüsse hinter den Kulissen großer Modeveranstaltungen und Porträts von Ikonen der Branche.


Aus der letzten großen Ausstellung, die Martin Parr noch erlebt hat: die Mode-Boutique „Fashion Faux Parr“. Die innerhalb der in Kooperation des neuen Museums Nürnberg und dem Fotobook Museum gestaltete Ausstellung „Grand Hotel Parr „.
Als begleitende Texte beleuchten zwei Essays der einflussreichen Persönlichkeiten der Modebranche Patrick Grant und Tabitha Simmons die einzigartige Sicht Martin Parrs auf die Modewelt und ordnen sie in einen größeren Kontext ein. Fashion Faux Parr ist das einzige Buch, das sich ganz Martin Parrs höchst origineller Herangehensweise an die Mode widmet und sowohl Auftrags- als auch persönliche Fotografien sowie Faksimiles seiner in der „Vogue“ und anderen internationalen Modemagazinen veröffentlichten Beiträge enthält.
Wie bei fast allen Fotografien setzt Martin Parr auch in der „Fashion Faux Parr“ Bilderserie auf kräftige Farben, direktes Blitzlicht und eine Sicht aus ungewöhnlichen Perspektiven. Sie zeigen nicht nur Mode, sondern hinterfragen gleichzeitig ihre Rolle in unserer von Massenkonsum geprägten Welt. Sie sind Spiegel von Absurditäten und Widersprüchen unserer Konsumgesellschaft und regen dazu an, „Mode nicht nur als ästhetisches Phänomen zu betrachten, sondern auch als gesellschaftliches und kulturelles Statement, ebenso unterhaltsam wie nachdenklich“.

Martin Parr war mehrfach Gast beim Festival in Baden und wurde 2024 mit dem von Lois Lammerhuber initiierten „Lifetime Achievement Award“ geehrt und mit einer großen Retrospektive seines Schaffens für sein Lebenswerk gewürdigt.
Anna Atkins – Blaudruck
In der schattigen Allee zwischen dem Heiligkreuzerhofes und dem unter Denkmalschutz stehenden, ehemaligen Leopoldsbad am Busattiplatz, dessen revitalisiertes Gebäude heute die Tourist Information (www.tourismus.baden.at) beherbergt, prangen die tiefblauen, streng grafischen Cyanotypien, auch Blaudrucke genannt, von Anna Atkins, die wie insgesamt fünf weitere Ausstellungen des Festivals der 200 Jahre alten Geschichte der Fotografie gedenken. Die Kuratorin Florence Drouhet und der Kurator Cyril Drouhet, La Gacilly, Bretagne, kommentierten die besondere Bedeutung dieser frühen Fotos.
Die Cyanotypie ist ein altes, fotografisches Edeldruckverfahren, das 1842 von dem britischen Naturwissenschaftler und Astronom John Herschel entwickelt wurde. Sie war nach der Daguerreotypie und Kalotypie das dritte Verfahren zur Herstellung von stabilen fotografischen Bildern. Diese noch heute gern als Edeldruckverfahren genutzte Technik, verwendet Eisen statt Silber, wie es sonst bei der Herstellung von Fotoabzügen verwendet wird.

Anna Atkins 1861
© La Gacilly-Baden Photo
Die britische Naturwissenschaftlerin, machte diese fotografische Technik durch ihre Bücher bekannt, in denen sie vor allem die Formen von Pflanzen mit Cyanotypien dokumentierte. Sie stellte diese sehr präzisen Abbildungen unter anderen auch für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung. Sie gilt für diese sehr frühe Anwendung auch als die erste Fotografin.
Anna Atkins wurde 1799 während der Regierungszeit von König Georg III. als Tochter eines Wissenschaftlers geboren und wuchs in einem Umfeld auf, das von Wissenschaft und technologischem Fortschritt geprägt war. Sie studierte Pflanzen und illustrierte Handbücher, bis sie Anfang der 1840er Jahre ihre erste Kamera bekam und sich fortan der Cyanotypie widmete, einem fotochemischen Verfahren, das die Umwandlung von Lichtimpressionen in Schwarz-Weiß-Bilder auf beispiellose Weise vereinfachte und preußisch-blaue Abzüge hervorbrachte.

Die Installation der Blaudrucke von Anna Atkins, der ersten Fotografin. © Heiner Henninges
1843 erschienen unter dem Titel „Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions“ als handgefertigtes Buch, in dem auf jeder Seite ein direkt auf Papier abgebildetes Algenpräparat zu sehen ist. Es war das erste mit Fotografien illustrierte Buch. Diese frühen bläulichen Drucke eröffneten eine neue Dimension in der Wissenschaft, die bis dahin auf handgezeichnete Illustrationen angewiesen war.
Auch zwei Jahrhunderte später ist der Einfluss von Anna Atkins noch immer in den Werken zeitgenössischer Künstler deutlich, die historische Techniken und eine handwerkliche Arbeitsweise in der kreativen Praxis fesseln. Im Festival Katalog bringen es die Autoren mit dem Satz auf den Punkt: „Über ihre Rolle als Pionierin der Fotografie hinaus erinnert Anna Atkins daran, dass die sorgfältige Beobachtung der Natur sowohl die Wissenschaft als auch die Fantasie beflügelt.“

Eine umfassende Sammlung der Cyanotypien von Anna Atkins enthält der opulente, im Kölner Taschen Verlag erschienener Bildband mit dem Titel „Anna Atkins – Cyanotypes“ mit Texten von Peter Walther in Englisch, Französisch und Deutsch. Neben der auf 7.500 Exemplaren limitierten Erstausgabe für 100 Euro, gibt es in der 45. Auflage jetzt auch eine günstige Version für 25 Euro.
Michel Bouvet – I Love the Beatles
„I Love the Beatles“ ist eine international tourende Grafik- und Designausstellung des angesehenen französischen Plakatkünstlers Michel Bouvet. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit der Foundation Yves Rocher, für die Michel Bouvet seit 20215 auch die Plakate und Kataloge zum Festival La Gacilly Photo und La Gacilly-Baden Photo gestaltet. Zuvor hatte Michel Bouvet auch für das bekannteste Festival für Fotokunst Les Rencontres internationales d’Arles die Plakate gestaltet. Es war seine Idee, die 2002 den damaligen künstlerischen Direktor der Recontres, François Hébel dazu bewogen hatte, für das Festival mit einer Grafik statt mit einem Ausstellungsfoto zu werben.

Tanz Performance vor der Installation der Bilder von Michel Bouvet Gregor Ruttner Beyond Bühne.
© Heiner Henninges
Der 1955 geborene Michel Bouvet ist gerade einmal 14 Jahre alt als er in einem Café neben dem Gymnasium, das er damals als Schüler besuchte zum ersten Mal den Beatles-Song „Come Together“ gesungen von John Lennon, hörte. Seither ist er von der Musik der Band gefesselt. Ein Jahr später wird er Schlagzeuger in einer Rockband.
2017 verwirklichte Michel Bouvet einen Lebenstraum, 50 Jahre visuelles Schaffen im Zusammenhang mit Musik zu erzählen. Anlässlich des 50. Jahrestages der Veröffentlichung des legendären Beatles-Albums „Sgt Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ im Jahr 1967 feiert er mit der Ausstellung „POP MUSIC. 1967-2017“ – Grafik und Musik“, die in Echirolles und Paris gezeigt wurde, mit 1200 Alben und 200 Cover mit beachtlichem Erfolg die Geschichte der Popmusik.

Die Plakatserie „I Love the Beatles“ von Michel Bouvet.
© Heiner Henninges
Mit der Bildserie „I Love the Beatles“ hat sich der gefragte Plakatkünstler nun einen weiteren Lebenstraum erfüllt: In Insgesamt 33 Werken hat er seine Gedanken zu ikonischen Songs der Beatles in lebendige, surrealistisch geprägte Bildwelten übersetzt.

Michel Bouvet erzählt von der Entstehung seiner Bildserie „I Love the Beatles“.
© Heiner Henninges
„Als einzigartiges musikalisches, kulturelles und modisches Phänomen haben die Beatles einige der schönsten Songs der Musikgeschichte aufgenommen. Schon seit langem spukte mir die Idee im Kopf herum, die Songs der Beatles in Bildern zu erzählen. Ich habe die ihnen gewidmeten Bücher gelesen, mich mit den Texten ihrer Songs beschäftigt. Ich habe das Beatles-Museum in Liverpool besucht. Nur lassen mir die Aufträge für Plakate, die Leitung eines Pariser Grafikstudios, meine Aufgaben in der Lehre und Anfragen aus dem Ausland absolut keine Zeit dafür.“
Als die Covid-Pandemie die Welt überrollt und auch er aufgrund der Lockdowns zu Hause bleiben musste, kehrte der unwiderstehliche Wunsch zurück, sich diesem Projekt zu widmen. , Mit Leidenschaft und Hartnäckigkeit stürzt er sich in das Abenteuer 33 der schönsten Songs der Beatles im Vinylformat zu illustrieren. In unzähligen Arbeitsstunden mit Hintergrundrecherchen und intensiven Studien der Songtexte entdeckt er darin – wie er selbst sagt – „eine Poesie zwischen Märchen und Surrealismus. Ich tauche buchstäblich in das Universum der Beatles ein und versuche es in meine eigene Vision zu übersetzen“.

Installation der Bildserie „I Love the Beatles“ von Michel Bouvet.
© Heiner Henninges
Gewöhnt an Aufträge für Plakate für Theater, Musik, Fotografie oder Museen, bei denen das Konzept, das Verhältnis von Text und Bild entscheidend waren, gestaltet sich dieses Projekt ganz anders. „Jedes Bild ist eine eigenständige bildliche Kreation und erinnert mich an eine Reihe von Gemälden, die ich bereits während meines Studiums an der École des Beaux-Arts geschaffen habe. Sie sind das Ergebnis meiner Fantasie, die von meiner Leidenschaft für Musik, Malerei, Literatur und Reisen beflügelt wird. Und natürlich von den Beatles.“
Von den Werken Michel Bouvets und der Musik der Beatles inspiriert haben Tänzerinnen der Badenener BeyondBühne, vor der Installation der Werke an der Römertherme mit einer Tanzperformance ihren Eindrücken davon Ausdruck verliehen. Die Badener BeyondBühne ist ein gemeinnütziger Kunst- und Kulturverein, der seit 2003 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene durch Theater, Tanz, Film, Musik und kreatives Schreiben fördert. Bravo!
Tony Ray-Jones – Engländer im Visier
Der viel zu früh verstorbene Fotograf Tony Ray-Jones (7 June 1941 – 13 March 1972) erhielt seine Ausbildung an der London School of Printing, wo er sich auf das Fach Graphic-Design konzentrierte Anfang der 1960er Jahre erhielt er ein Stipendium, das es ihm ermöglichte, an der Yale University School of Art zu studieren. Obwohl Ray-Jones bei seiner Ankunft in Yale erst 19 Jahre alt war, war sein Talent offensichtlich, und 1963 erhielt er Aufträge für die Zeitschriften „Car and Driver“ und „Saturday Evening Post“.

Tony Ray-Jones Installation „Engländer im Visier“ auf dem Platz vor der Römertherme.
© Heiner Henninges
Da er die Fotografie für kreativere Zwecke nutzen wollte, besuchte Ray-Jones das „Design Lab“ des berühmten Art Directors Alexey Brodovitch im Manhattaner Studio von Richard Avedon. in dieser Zeit lernte er auch eine Reihe bekannter New Yorker „Streetphotographer“ kennen, darunter Joel Meyerowitz, der zu dieser Zeit ebenfalls bei Brodovitch studierte. Ray-Jones schloss 1964 sein Studium in Yale ab und fotografierte bis zu seiner Abreise nach Großbritannien Ende 1965 unermüdlich den Alltag in den Vereinigten Staaten.
Bei seiner Rückkehr nach Großbritannien wunderte er sich über das mangelnde Interesse an nichtkommerzieller Fotografie, ganz zu schweigen von der Veröffentlichung von Büchern, die diese thematisierten. Er war sich auch noch nicht sicher, welchem Thema er nachgehen sollte, doch die Idee einer Studie über die Freizeitgestaltung der Engländer nahm allmählich Gestalt an. In der Oktoberausgabe 1968 der Zeitschrift „Creative Camera“ beschrieb er, was er zu erreichen versuchte:

Die Fotografien des jung verstorbenen britischen Dokumentarfotografen Tony Ray-Jones waren nach eigener Aussaqe Vorbild für Martin Parr.
© Heiner Henninges
„Mein Ziel ist es, etwas vom Geist und der Mentalität der Engländer, von ihren Gewohnheiten und ihrer Lebensweise sowie von der Ironie zu vermitteln… Für mich hat die englische „Lebensart“ etwas ganz Besonderes, und ich möchte sie aus meiner ganz persönlichen Perspektive festhalten, bevor sie amerikanisiert wird und verschwindet.“
Seine Fotografien von Festen und Freizeitaktivitäten sind voller surrealistischen Humor und zeigen den Einfluss von Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, Garry Winogrand sowie seiner eigenen Sammlung von Werken Sir Benjamin Stones.
Im Januar 1971 kehrte er in die USA zurück, um als Dozent am San Francisco Art Institute zu arbeiten. Im März 1972 flog er wegen einer schweren Erkrankung an Leukämie zurück nach London, wo er am 13. März verstarb. Sein Buch über die Engländer, das zum Zeitpunkt seines Todes noch unvollendet war, wurde 1974 posthum von Thames & Hudson unter dem Titel „A Day Off: An English Journal“ veröffentlicht.
Das Archiv von Ray-Jones befindet sich seit 1993 im National Science and Media Museum in Bradford. Es umfasst 700 Fotoabzüge, 1.700 Negativblätter, 2.700 Kontaktabzüge, 10.000 Farbdiapositive sowie Ray-Jones’ Notizbücher und Korrespondenz.
Im September 2013 widmete das Media Space, Science Museum, London ihm gemeinsam mit Martin Parr die Ausstellung mit dem Titel „Only in England: Photographs by Tony Ray-Jones and Martin Parr“.
Die britische Dokumentarfotografie des späten 20. Jahrhunderts ist ohne die Namen Ton Ray-Jones und Martin Parr kaum denkbar. Obwohl sich ihre Karrieren zeitlich nur kurz überschnitten, besteht zwischen beiden Fotografen eine enge geistige und ästhetische Verbindung. Martin Parr zählte Ray-Jones zu seinen wichtigsten Vorbildern. Dessen Blick auf das Alltägliche, das Britische und das scheinbar Banale wurde für ihn zum Ausgangspunkt einer fotografischen Sprache, mit der er später internationale Bekanntheit erlangte.

Tony Ray-Jones Schwarzweiß-Fotografien zeichnen sich durch ihren sensiblen, auch ironischen Blick auf die britische Gesellschaft aus.
© Heiner Henninges
Die Fotografien von Tony Ray-Jones zeigen Strandszenen, Jahrmärkte, Dorffeste, Hundeschauen und unterschiedlichste, öffentliche Veranstaltungen. Dabei interessierten ihn weniger das spektakuläre Ereignis als vielmehr die oft skurrilen Beziehungen zwischen Menschen, Objekten und ihrer Umgebung. Seine Bilder sind voller visueller Geschichten und geprägt von einem feinen Humor. Ray-Jones beobachtete das britische Leben mit großer Sympathie, ohne dabei dessen Eigenheiten zu idealisieren.
Martin Parr (geb. 1952) begann seine fotografische Laufbahn in den frühen 1970er Jahren – genau zu jener Zeit, als die Arbeiten von Ton Ray-Jones zunehmend bekannt wurden. Parr erkannte früh das Potenzial dieser Bildsprache und übernahm wesentliche Elemente: die Konzentration auf den britischen Alltag, den subtilen Humor und das Interesse an sozialen Ritualen. Während Ray-Jones ausschließlich in Schwarzweiß arbeitete, nutzte Martin Parr seit den 80er Jahren intensiv die Farbfotografie. Beide Fotografen verbindet vor allem ihr Interesse an den kleinen Ritualen des Alltags, Situationen, in denen sich gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Eigenheiten offenbaren.

Obwohl er nur 30 Jahre alt wurde, prägten die Fotografien von Tony Ray-Jones die britische Dokumentarfotografie.
La Gacilly-Baden Photo/ Tony Ray-Jones
Der frühe Tod von Ton Ray-Jones verhinderte ein umfangreicheres Werk. Dennoch gilt sein Einfluss auf die britische Fotografie als außergewöhnlich. Viele Fotografen sehen in ihm den Begründer einer modernen britischen Dokumentarfotografie, die soziale Beobachtung mit Humor verbindet. Martin Parr hat diesen Einfluss mehrfach öffentlich anerkannt. Er sammelte Arbeiten von Ray-Jones, schrieb über dessen Werk und trug maßgeblich dazu bei, dass dessen Fotografien international wiederentdeckt wurden. In gewisser Weise lässt sich Parrs Werk als Fortsetzung eines fotografischen Projekts verstehen, das Ray-Jones aufgrund seines frühen Todes nicht weiterführen konnte.
Gemeinsam stehen beide Fotografen für eine Form der Dokumentarfotografie, die das Gewöhnliche ernst nimmt und gerade im Alltäglichen die Eigenarten einer Gesellschaft sichtbar macht. Ray-Jones legte den Grundstein; Parr machte daraus eine weltweit einflussreiche fotografische Position.
Terry O’Neill – Legenden der Rockmusik
Präsentiert auf knallbunten, popfarbenen Hintergründen an der Seitenfront der Römertherme erzählen die Fotografien der britischen Musiklegenden von Terry O‘Neill fesselnde Geschichten aus dem Swinging London der 60er Jahre. Der !938 geborene Fotograf war einer der prägenden Chronisten der Londoner Pop- und Kulturszene der damaligen Musikwelt. Er war einer der wenigen Fotografen, die Musiker nicht nur bei Auftritten, sondern auch hinter den Kulissen und im privaten Umfeld porträtierte. Seine Bilder tragen wesentlich zum visuellen Image der britischen Musikszene während der sogenannten „Swinging Sixties“ bei.

Terry O’Neill dokumentierte die Glanzzeiten britischer Pop-Legenden, Er porträtierte die Beatles ebenso wie die Rolling Stones privat, hinter der Bühne sowie bei ihren Auftritten.<
© Heiner Henninges
Zu den bedeutendsten Musiklegenden, die O’Neill fotografierte, gehören: nicht zuletzt die Beatles, die er sowohl zusammen als auch einzelne Bandmitglieder in ihren verschiedenen Schaffensphasen fotografierte. Genauso machte er von den Rolling Stones zahlreiche Reportage- und Porträtaufnahmen. Die eindrucksvollen Porträts von David Bowie stammen aus den 1970er Jahren. Über Jahrzehnte hinweg fotografierte er Elton John. Vor seiner Kamera standen Eric Clapton, The Who, The Bee Gees, Freddy Mercury und nicht zuletzt Frank Sinatra, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband.
Im London der 1960er Jahre dokumentierte O’Neill den Aufstieg der sogenannten „British Invasion“, also britischer Bands die internationale Popmusik prägten. Seine Aufnahmen zeichneten sich durch eine dokumentarische, oft spontane Bildsprache aus. Statt aufwendiger Studioinszenierungen bevorzugte er natürliche Situationen, wodurch viele seiner Fotografien bis heute als authentische Zeitdokumente gelten.

Ob David Bowie oder Elton – John Terry O’Neil machte sie in seinen Fotografien ebenso zu Legenden, wie sich selbst.
© Heiner Henninges
Neben Musikgrößen porträtierte O’Neill auch zahlreiche Schauspieler und Persönlichkeiten wie Audrey Hepburn, Brigitte Bardot, Sean Connery und Faye Dunaway. Sein berühmtes Foto von Dunaway am Morgen nach der Oscar-Verleihung 1977 zählt zu den bekanntesten Porträts der Fotogeschichte.
Terry O’Neills Werk gilt heute als eines der wichtigsten fotografischen Zeugnisse der internationalen Pop- und Unterhaltungskultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Festival Katalog wird der sensible Chronist, der 2019 verstarb, folgendermaßen zitiert:
„Ich hatte ein tolles Leben! Alles ging so schnell, mit so viel Unbeschwertheit. Um ehrlich zu sein, dachten wir alle, dass es ein abruptes Ende nehmen würde. Wir trafen uns in Clubs, mit den Beatles und den Stones, und alle sprachen über die Arbeit, die wir uns suchen würden, wenn alles vorbei ist! Wir hätten nie gedacht, dass das von Dauer sein würde. Meine Fotos sind von Gültigkeit und Dauer, weil sie eine Geschichte erzählen. Ich bin ein Bilderzähler.“

Mal Schwarzweiß, mal Farbe, Terry O’Neill beherrschte beides!
© Heiner Henninges
Als Junge träumte er Schlagzeuger in einem Jazzclub zu werden und dachte darüber nach Steward werden, um in die USA zu reisen und die großen Namen der schwarzen amerikanischen Musik zu hören. Das Schicksal beschloss einen Umweg über die Fotografie. Dieser erfolgte In einer Zeit, in der die Fotografie bereits zum besten Werkzeug geworden war, einen Mythos zu schaffen. Mit seinen Bildern machte er die Musiker zu Ikonen, die in zahlreichen Museen dauerhaft ausgestellt sind und die beim Betrachten nicht zuletzt eine gewissen Nostalgie aufkommen lassen. Die Installation im Viereck der Seitenwände der Römertherme weckt die Erinnerungen an die Glanzzeit britischer Pop-Musik.
Josh Edgoose – Swinging London
Josh Edgoose, geboren 1989, ist ein in London ansässiger Fotograf. Seine Arbeiten sind praktisch neben denen von Terry O’Neill zu sehen.Als Mittelpunkt seiner Arbeit sieht er die Interaktionen zwischen Menschen, die er mit typisch britischem Humor und Witz dokumentiert. Als Auftraggeber und Partner nennt er auf seiner Webseite Unternehmen und Marken wie Porsche, Fujifilm, Thorpe Park, The Guardian, Instax, Lime, Ted Baker, das Hotel Café Royal, Sony Xperia, MPB, Squarespace.

Josh Edgoose ist ein Magier der Farben, mit denen der britische Fotograf die Vibrations des Swinging Londons einfing.
© Heiner Henninges
Außerdem ist er Mitbegründer von Framelines, einem YouTube-Kanal mit 75.000 Abonnenten sowie eines Magazin für Straßen- und Dokumentarfotografie, das Tausende von Menschen weltweit erreicht.
Im umfangreichen Festival-Katalog ist über den britischen Street-Photographer und Dokumentarfotografen zu lesen, dass er sich auf Instagram selbst „Spicy Meatball“ nennt. Warum? Niemand weiß es. Aber so empfindet der Autor die Fotografien von Josh Edgoose: zart und würzig zugleich.

Josh Edgoose Installation an der Seitenwand der Römertherrme.
© Heiner Henninges
Josh Edgoose ist Fotograf und Videofilmer mit einem starken Faible für Farben, Zufälle und glückliche Fügungen, wie er selbst behauptet. Vor seinen Augen werden Alltägliches, Banales, Gewöhnliches zu lebendigen Blickfängen.
„Die Hauptstadt Englands mit seinen Augen zu sehen, ist wie die Entdeckung des Farbfilms nach Jahrzehnten der Schwarz-Weiß-Fotos“, heißt es weiter im Katalog…“Mit seinem interessierten Blick für Details, die ein Laie nicht sieht, setzt er die Vielfalt und Exzentrik eines wiederentdeckten Londons in Szene und fängt die Energie des urbanen Lebens ein, geprägt von ständigen ‚Vibrations‘, extremen Farben und vergänglicher Schönheit“.

Josh Edgoose farbige Straßenfotografien zeichnen sich durch ihren Blick für Farben, Strukturen und Details aus.
© Heiner Henninges
Für Josh Edgoose ist die Straßenfotografie eine Möglichkeit, auf dem Reichtum und den Zufällen aufzubauen, die eine Stadt so besonders machen und diese in seinen Fotografien mit jeder Menge britischen Humors zu dokumentieren.
Mit einem echten Highlight, nämlich dem Kommentar der 91-jährigen Fotolegende Sir Don McCullin zu seiner Fotografie beginnt der 2.Teil der zweiten Etappe des sieben Kilometer langen Marathons durch die Fotokunst des Festivals „La Gacilly-Baden Photo“, über die wir in einem weiteren Beitrag berichten werden.
Heiner Henninges, DGPh







