Mit der Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive., die vom 28.2. bis 14.6.2026 im Fotomuseum Winterthur gezeigt wird, richtet die Schweiz den Blick auf Werke von Fotografinnen, die zwischen 1900 und 1970 tätig waren, und hinterfragt die männlich geprägte Geschichte der Schweizer Fotografie. Anhand von sieben Fotoarchiven – Anny Wild-Siber (1865-1942), Gertrud Dübi-Müller (1888–1980), Marie Ottomann-Rothacher (1916–2002), Margrit Aschwanden (1913–2004), Hedy Bumbacher (1912–1992), Leni Willimann-Thöni (1918–2002) und Anita Niesz (1925–2023) – macht die Ausstellung bislang übersehene Lebenswerke sichtbar und eröffnet neue Perspektiven auf Autorinnenschaft, (Un-)Sichtbarkeit und Archivierung.
Seit den Anfängen der Fotografie widmen sich Frauen diesem Handwerk: Bereits in den 1840er-Jahren veröffentlichte die englische Botanikerin Anna Atkins ihre Cyanotypien von Algen und Pflanzen im ersten Fotobuch überhaupt, in der Schweiz wurde Franziska Möllinger als Daguerreotypistin bekannt. Frauen haben fotografiert, experimentiert und dokumentiert – so auch die sieben Schweizer Fotografinnen Anny Wild-Siber (1865-1942), Gertrud Dübi-Müller (1888–1980), Marie Ottomann-Rothacher (1916–2002), Margrit Aschwanden (1913–2004), Hedy Bumbacher (1912–1992), Leni Willimann-Thöni (1918–2002) und Anita Niesz (1925–2023), deren Archive in der Ausstellung gezeigt und deren Biografien nachgezeichnet werden.
Dennoch war die Fotografiegeschichte der Schweiz lange Zeit vor allem eine Geschichte männlicher Fotografen, überliefert aus männlicher Perspektive. Ein Umstand, der sich auch in den Archiven der Fotostiftung Schweiz wiederspiegelt: Von den rund 160 Archiven sind nur 26 weiblichen Fotoschaffenden zuzuschreiben. Diese Archive sind so unterschiedlich wie ihre Autorinnen und deren Biografien: Manche Lebenswerke weisen Brüche auf, andere zeigen eine klare Entwicklung. Obwohl sich einige Bildautorinnen in einem männlich dominierten Berufsfeld etablieren konnten, standen sie oft im Schatten ihrer Kollegen, Lehrmeister und Ehemänner. Auch technisch versierte Amateurfotografinnen blieben mit ihren eindrucksvollen Zeitzeugnissen am Rande der Geschichtsschreibung der Schweizer Fotografie.
Die sieben Fotografinnen werden in den beiden Ausstellungsräumen der Fotostiftung Schweiz in chronologischer Reihenfolge einzeln vorgestellt. Ausgewählten Bildgruppen, Belegexemplare, schriftlichen Dokumente und Informationen zur Biografie geben Einblick in die Archive. Die Ausstellung macht sichtbar, wie unterschiedlich ihre Wege zur Fotografie waren und wie stark gesellschaftliche Hintergründe ihr Schaffen prägten.
So geht es zunächst um die Amateurfotografie, die sich Anny Wild-Siber und Gertrud Dübi-Müller Anfang des 19. Jahrhunderts als Autodidaktinnen aneigneten. Die Autochromplatten, Edeldrucke und Stereofotografien – letztere als 3D-Projektion erfahrbar – spiegeln nicht nur die fotografischen Ambitionen, sondern auch das Umfeld der beiden gut situierten Frauen.
Marie Ottomann-Rothacher und Margrit Aschwanden machten in den 1930er-Jahren eine Lehre. Während Aschwanden mit ihrer Schwester zusammen zeitweise ein eigenes Atelier führte, arbeitete Ottomann-Rothacher als Fotografin und Laborantin für namhafte Fotografen. Hedy Bumbacher kam nach einem universitären Studium auf Umwegen zur Fotografie und vertiefte ihre Kenntnisse in einem Kurs an der ETH Zürich.
Leni Willimann-Thöni und Anita Niesz absolvierten die 1932 gegründete Fachklasse für Fotografie an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Willimann-Thöni blieb dem neusachlichen Stil des Lehrers Hans Finsler verbunden, Anita Niesz jedoch folgte ihrem Interesse an einer sozialdokumentarischen Fotografie. Mit ihren Reportagen aus Italien und Frankreich war sie in den 1950er-Jahren wiederkehrend in der Schweizerischen Monatsschrift Du vertreten.
Wie Ottomann-Rothacher, Aschwanden und Bumbacher fotografierte auch Niesz häufig im Auftrag gemeinnütziger Organisationen. In ihren Archiven finden sich auffällig viele Bilder von Kindern und Jugendlichen. Ottomann-Rothacher und Bumbacher beschäftigten sich ausserdem mit dem entbehrungsreichen Leben in den Schweizer Bergregionen, ebenfalls mit einem Fokus auf Kinder. Inwiefern diese thematische Ausrichtung mit persönlichen Interessen zu tun hat oder auch darauf zurückzuführen ist, dass die Auftragsgeber für mutmassliche «Frauenthemen» mit Vorliebe Fotografinnen beauftragten, ist eine der Fragen, die sich bei der Betrachtung der Bestände stellt.
Schriftstücke der Schweizerischen Zentralstelle für Frauenberufe, die das Kuratorinnenteam im Gosteli-Archiv (Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung) ausleihen
konnte, geben Aufschluss über die Ausbildungs- und Arbeitsituation von Fotografinnen. Gerne überliessen die männlichen Fotografen ihren weiblichen Angestellten wenig prestigeträchtigen
Fleissarbeiten. Aufgrund angeblich für sie typischen Eigenschaften wie Ausdauer und Genauigkeit waren Frauen für Laborarbeiten und Retusche besonders gefragt. Auch als Empfangsdamen im Fotoatelier waren sie geschätzt, um für eine freundliche Atmosphäre zu sorgen. Die Arbeit als Fotoreporterin hingegen war für Frauen eine Ausnahme und nach der Geburt des ersten Kindes kaum mehr möglich. Prinzipiell wurde von den Frauen erwartet, dass sie ihren Beruf nach der Heirat aufgaben und sich auf Haushalt und Familie konzentrierten.
Ein Blick auf die Werbung beleuchtet die Rolle der Amateurfotografin als Konsumentin: Spätestens seit Kodak die einfach zu bedienenden Einwegkameras auf den Markt brachte, rückten Frauen und Mütter als Zielgruppe in den Fokus. Wenn sogar Kinder den Fotoapparat bedienen konnten – so einer der Slogans von Kodak – war dies den Müttern ebenfalls zuzutrauen. Vitrinenmaterial zu den beiden Ausgaben der Ausstellung für Schweizerische Frauenarbeit (SAFFA) 1928 und 1958 spiegelt den den Kampf um die Anerkennung der Leistungen von Frauen und um politisches Mitspracherecht.
Dass die Nachlässe von Frauen, die in dieser Zeit fotografisch tätig waren, in Archiven wenig präsent sind, hat nicht nur damit zu tun, dass es aufgrund der Um- und Widerstände weniger Fotografinnen gab. Ihre Spuren verschwanden oft hinter den Namen der Väter, Ehemänner oder «Meister», mit denen sie zusammenarbeiteten. Die Voraussetzung für die Aufbewahrung
und die Übergabe eines fotografischen Archivs an die Erben oder eine Institution bedingte eine Wertschätzung der eigenen Leistung. Für Frauen der in der Ausstellung vertretenen Generationen war diese leider nicht selbstverständlich. Auch die Sammlungspolitk der Insitutionen trug wenig zur Sichtbarkeit weiblichen Fotoschaffens bei.
Kuratiert wird die Ausstellung von Mitarbeiterinnen der Fotostiftung Schweiz:
Madleina Deplazes, Leitung Archive und Sammlungen
Michèle Dick, Research Curator
Teresa Gruber, Leitung Ausstellungen und Vertiefung
Linda Hodel, Mutterschaftsvertretung im Bereich Archive und Sammlungen
Katharina Rippstein, Leitung Digitalisierung und Bildnutzungen










