Interview mit dem KI-Experten Christoph Künne
Als einer der ersten Fachjournalisten und Medienexperten hat sich Christoph Künne mit de Thema Generative KI beschäftigt und mehrere Bücher zum Thema verfasst. Jetzt erscheint ein weiteres Buch des Experten, in dem er sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Paradigmenwechsels auseinandersetzt. Nicht die Frage, welches Tool gerade am besten ist, steht dabei im Mittelpunkt, sondern was mit Wahrheit, Autorschaft, Beruf und Urteilskraft geschieht, wenn Maschinen Medien erzeugen, die ihre Herkunft nicht mehr verraten.
Wir haben bereits vor der Veröffentlichung mit dem Autor sprechen und ihn befragen können.
Dasfotoportal.de (dfp): Christoph, Du hast in einer frühen Aussage zum Thema Künstliche Intelligenz die These geäußert, dass schon die Bezeichnung dieses neuen Werkzeuges missverständlich sei. KI sei weder künstlich noch intelligent. Gilt das noch immer und warum?
Christoph Künne (CK): Ich rede viel und gerne, aber daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Zumindest nicht daran, den Aspekt „künstlich“ in Frage gestellt zu haben. Da KI nicht natürlich ist, sondern bereits vorhandene Inhalte synthetisiert, denke ich, der Teil des Begriffs passt schon. Beim Wort „Intelligenz“ bin ich immer noch skeptisch. Ja, es sieht so aus, als wäre sie intelligent, wenn man mit ihr in Dialog tritt. Aber das ist ein wenig so wie bei unseren vierbeinigen Hausgenossen: Auch die hält man bei längerer Beobachtung für intelligent, dabei folgen sie erwiesenermaßen nur ihren Instinkten. Die Intelligenzuschreibung kommt von uns. Bei der KI ist das ähnlich – die führt Gespräche durch eine Aneinderreihung von Worten nach statistischen Wahrscheinlichkeiten – die wir als Gesprächspartner für intelligent halten, weil es uns so erscheint. Die KI-Chatbots sind einfach für diese Aufgabe perfektionierte Maschinen, die ihren Job inzwischen extrem überzeugend erledigen.

KI-Experte Christoph Künne.
© Ina Künne
dfp: Als Einleitung zu Deinem neuen Buch mit dem Titel „Synthetische Wahrheit“ schreibst Du: „Keine Apokalypse. Keine Euphorie. Sondern ein Kompass für alle, die in einer synthetischen Medienwelt urteilsfähig bleiben wollen“. Wohin weist dieser Kompass?
So anstrengend das werden dürfte – der Kompass weist in Richtung Bildung. Und damit meine ich nicht Auswendiglernen von zusammenhanglosen Fakten, das kann die KI besser. Vielmehr geht es um eine Form von Bildung, die sich darum bemüht Strukturen zu hinterfragen, nach Mustern zu suchen, Antworten sowohl auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen zu können als auch ihre Herkunft und die damit verbunden Interessen zu durchdringen. Das klingt jetzt komplex und leider ist es das auch.
In der Konsequenz heißt das, wir müssen unser Bildungssystem hinterfragen und an vielen Stellen neu ausrichten. Denn wenn wir uns schon auf die Maschinen verlassen wollen oder müssen, ist es unsere Pflicht als verantwortungsvolle Nutzer, uns selbst die Urteilsfähigkeit zu erhalten.

Christoph Künne -Synthetische Wahrheit Medienkompetenz in Zeiten von KI.
dfp: Das Buch soll eine medienkulturelle Analyse generativer KI vornehmen und die daraus entstandene der Krise visueller Evidenz einordnen. Wie verändert sich kreatives Arbeiten nach der Automatisierung der Form?
CK: Der wesentliche Unterschied ist der Verlust des Werts der Handwerklichkeit in der Kreativproduktion. Das beobachte ich schon seit den 90er Jahren als man nicht mehr in die Dunkelkammer musste, sondern weitreichendere Eingriffsoptionen in der „hellen“ Kammer am Desktop-Rechner hatte. Inzwischen ist die Handwerklichkeit vom Programm auf dem Bildschirm fast gänzlich aufs Formulieren des Bildwunsches geschrumpft. Die reine Umsetzung kann also im Grunde jeder. Was nicht jeder kann, ist ein Kreativprojekt zu erdenken, zu strukturieren, für die Umsetzung vorzubereiten und nach der Umsetzung aus dem Wust der KI-generierten Ergebnisse das oder die auszuwählen, die mit der Idee passgenau übereinstimmen. Knapper gesagt: Konzeptions- und Kurationskompetenzen lösen die Handwerklichkeit im kreativen Produktionsprozess immer mehr ab.
dfp: Welche Bedeutung haben in Zeiten generativer KI Kognition, Würde, Plattformmacht und Verantwortung?
Zu der Frage könnte ich das nächste Buch schreiben. Jenseits aller Begründungen und Belege ließe sich das vielleicht so auf den Punkt bringen: Wenn uns die KI das Denken abnimmt – was in absehbarer Zeit geschehen wird, so wie der Taschenrechner das Kopfrechnen ersetzt und das Navi die Orientierungsfähigkeit – , dann macht sie das im Sinne ihrer Herren. Ihre Herren sind nicht wir. Das sind auch keine demokratisch legitimierten Institutionen, sondern das sind wirtschaftlich organisierte Konzerne, die für ihre Aktionäre handeln und nicht für das Gemeinwohl. Zudem sind sie auch noch sehr stark von einzelnen Gründerpersönlichkeiten geprägt. Man denke an die bisweilen erratisch anmutenden Winkelzüge von Musk, Altman und Co. Wenn wir über Verantwortung sprechen, dann sollten wir uns vor Augen führen, dass uns niemand zwingt der KI einfach zu glauben und sie für alles zu nutzen. Das ist ein bewußter Prozess, in dem man vielleicht etwas widerständig sein muss, wenn man seine Würde behalten will. Die größte Gefahr ist aus meiner Sicht auch nicht, dass die KI uns zwingt ihr zu glauben. Die größte Gefahr für den Verlust unserer Würde ist unsere Bequemlichkeit.

Minister Jürgen Trittin angeblich mit Schlagstock.
© Künne/DOCMA
dfp: Wenn das Bild nicht mehr automatisch Beweis, ist sondern vielmehr Behauptung, welche Rolle spielt dann die visuelle Kommunikation für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen?
CK: Das Bild war nie automatisch Beweis. Aber man hatte bis vor ein paar Jahren ein halbwegs gut funktionierendes System, das zumindest in den Qualitäts-Medien Leute saßen, die Bilder, ihre Inhalte und ihre Herkunft professionell hinterfragt haben. Deswegen haben wir uns weitestgehend darauf verlassen können, dass die redaktionellen Bilder die wir in Print und Fernsehen zu sehen bekamen „echt“ waren und Belegkraft hatten. Wohlgemerkt Belegkraft, nicht Beweiskraft. Auch echte Fotos können gestellt sein, in der Szene beschnitten, retuschiert oder in anderer Form verfremdet. Man denke nur an die in früheren Zeiten so beliebte Technik, ein Bild derart zu verschlechtern, dass man vor allem Körnung sah und dann in diese Körnigkeit etwas hineininterpretierte. Die Bild-Zeitung war in dieser Disziplin führend, wie sich manche sicherlich erinnern können.
Christoph, danke für dieses aufschlussreiche Gespräch. Wir können Dein neues Buch nur jedem empfehlen, der sich kritisch mit dem KI-Trend auseinandersetzen möchte.

Christoph Künne Synthetische Wahrheit
Medienkompetenz in Zeiten von KI
Inhalt: Generative KI, Bildwahrheit, Medienkompetenz, kreative Berufe, Urheberrecht, kognitive Auslagerung, Plattformökonomie, synthetische Medien.
Erscheinungstermin: Mitte Juni 2026
Erstverfügbarkeit: Zunächst exklusiv im DOCMA-Webshop.
Formate: Print / E-Book / Audiobook zu einem späteren Zeitpunkt
Umfang: 224 Seiten
Struktur: Das Buch umfasst einen Prolog, sechs Hauptteile, einen Epilog und einen umfangreichen Quellenapparat.
Preise:
Print: 24,95 €,
E-Book: 19,99 €
ISBN Print: 978-3-9827055-3-8
ISBN E-Book: 978-3-9827055-4-5







