Im Jahr 2027 jährt sich der Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers, Bildhauers, Malers und Grafikers Günter Grass zum 100. Mal. Das
Günter Grass-Haus in Lübeck richtet gemeinsam mit einem internationalen Netzwerk von Partnern ein facettenreiches Festjahr aus, das
Literatur und Bildende Kunst ebenso verbindet wie Theater, Musik, Wissenschaft und kulturelle Bildung.

Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und
Reinhold Würth 2006 in der Kunsthalle Würth
in Schwäbisch Hall, als diese vom 13.10.2006 – 18.3.2007 die Ausstellung „Literatur kann man sehen: Hans Magnus Enzensberger. Günter Grass. Hermann Hesse“ zeigte.
© Archiv Würth
Das Jubiläumsjahr lädt dazu ein, Grass’ Werk neu zu entdecken, bekannte und unbekannte Seiten seines Schaffens kennenzulernen und seine Themen aus heutiger Perspektive zu diskutieren. Grass’ Geburtsstadt Danzig und sein langjähriger Wirkungsort Lübeck bilden die Zentren des Jubiläumsjahres. Von dort aus spannt sich ein Netzwerk über Deutschland und Europa bis nach Übersee.
Kaum ein deutschsprachiger Autor des 20. Jahrhunderts hat Zeitgeschichte so intensiv erfasst und mitgestaltet wie Günter Grass. Von
seinem Debütroman und Welterfolg Die Blechtrommel (1959) bis zu seinem Spätwerk setzte er sich mit Schuld, Scham und Ideologien
auseinander. Sein künstlerisches Schaffen reichte weit über die Literatur hinaus und umfasste Zeichnung, Grafik und Bildhauerei. Das
Jubiläumsjahr greift die unterschiedlichen Facetten auf und richtet sich ausdrücklich nicht nur an ein Fachpublikum. Es bietet sowohl
Kennern die Möglichkeit, Grass neu und kritisch zu betrachten, als auch Menschen, die sein Werk bislang kaum oder gar nicht kennen,
einen unkomplizierten Zugang zu seinem vielfältigen Schaffen.
Das Günter Grass-Haus eröffnet am 17. April 2027 eine neu gestaltete, multimediale Dauerausstellung. Rund 800 Objekte aus der
Werkstatt von Günter Grass in Behlendorf wurden neu erworben und werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Zum Nachlass
gehören persönliche Gegenstände und Arbeitsutensilien wie Grass’ Schreibmaschine, seine Brillen, sein Reisepass oder seine Pfeifen
sowie Objekte, von denen sich der Wort- und Bildkünstler inspirieren ließ, darunter Pilze, Bernstein oder getrocknete Kröten.
Ein bislang nicht als Ausstellungsraum genutzter, von der Günter und Ute Grass Stiftung angemieteter Seitenflügel wird künftig Teil des
Museumserlebnisses und beherbergt die mehr als 4.000 Bände umfassende Nobelpreisträgerbibliothek aus Behlendorf, die ebenfalls
erstmals der Öffentlichkeit gezeigt wird. Die Bücher mit persönlichen Widmungen und Anmerkungen geben Einblicke in Grass’ Interessen, literarische Vorbilder und geistige Bezugspunkte und eröffnen damit einen besonderen Zugang zu seinem Leben und Arbeiten.
Die „Grass-Nacht“ am 16. Oktober 2027, dem 100. Geburtstag von Günter Grass, bildet den Höhepunkt des Festjahrs. In Lübeck entsteht an diesem Abend ein großes Kulturfest für die Stadt, das freie Kulturschaffende, Theater, Vereine, Bildungseinrichtungen und prominente Gäste zusammenbringt. Zum Auftakt führt ein großer Bürger- und Musikzug unter dem Motto „Trommeln für die Demokratie“ vom Günter Grass-Haus zum Holstentor. Dort erwartet die Bürger ein außergewöhnliches Programm. Lesungen, Musik und Schauspiel verwandeln zahlreiche Spielorte in der Altstadt in Bühnen für ein gemeinsames Fest.
Auch Theater und Orchester greifen Grassʾ Werk und seine politische Wirkung auf. Das Theater Lübeck bringt Mein Jahrhundert
(26.6.–4.7.2027) als Freilichtinszenierung im Stadion des VfB Lübeck an der Lohmühle auf die Bühne. Ende 2027 erinnert die „Stiftung
zum 7. Dezember 1970“ mit einem Kniefall-Konzert und einer Lesung in der Musik- und Kongresshalle an Willy Brandts historische
Geste in Warschau und an den Briefwechsel zwischen Brandt und Grass.
In Grass’ Geburtsstadt Danzig haben sich zahlreiche Institutionen zusammengeschlossen, um das Erbe des Ehrenbürgers zu würdigen. Das Ehrenpatronat übernimmt Władysław Zawistowski, Rektor der Universität Danzig und Marschall der Woiwodschaft Pommern. Die Universität Danzig richtet die internationale Konferenz „Geopoesie – Geopoetik – Geopolitik. Günter Grass und Danzig“ (21.–23.10.2027) aus. Ergänzt wird die Konferenz durch eine öffentliche Vorlesungsreihe. Das Teatr Wybrzeże zeigt eine Uraufführung zur Biografie von Günter Grass und das Nationalmuseum Danzig präsentiert Grass’ bildkünstlerisches Werk aus seiner Sammlung im Dialog mit zeitgenössischen Positionen aus Danzig.
International wird das Jubiläumsjahr durch Ausstellungen und Kooperationen sichtbar. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut
tourt die modulare Ausstellung 100 Jahre Grass durch Standorte in Europa und Übersee. Reproduktionen aus dem Bestand des Günter
Grass-Hauses eröffnen einen Blick auf weniger bekannte Facetten von Grass, etwa seine Leidenschaft für das Tanzen und Kochen.
Weitere internationale Ausstellungen, etwa im H.C. Andersens Hus in Odense zur künstlerischen Auseinandersetzung Grass’ mit
Märchen oder in der Casa di Goethe in Rom zu seinen Beziehungen zu Italien, rücken Grass’ europäische Bezüge in den Mittelpunkt.
Das Jubiläum wird bundesweit mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Das Schleswig-Holstein Musik Festival richtet in Zusammenarbeit mit dem Günter Grass-Haus in der Elbphilharmonie Hamburg eine hochkarätige Veranstaltung im Großen Saal mit prominenter Besetzung aus. Die bremer shakespeare company bringt am 13. März 2027 mit Wunden, die sich nicht mehr schließen. Mensch Grass – ein Spiel ein multimediales Theaterereignis zur Uraufführung. Texte, Figuren und Bildwelten von Grass verbinden sich darin zu einer Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Die Uraufführung wird von der Günter Grass Stiftung Bremen initiiert und gefördert.
Weitere Theaterpremieren in Düsseldorf und Hamburg sowie Sonderausstellungen, unter anderem im Dokumentationszentrum
Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin, machen 2027 zu einem bundesweiten Grass-Jahr. Das Museum Würth in Künzelsau widmet
Günter Grass ab dem 1. August 2027 eine monografische Ausstellung, die zahlreiche Positionen des bildkünstlerischen Werks mit den
literarischen Texten vereint. Die Sammlung Würth verwahrt mehr als 660 Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen von Grass, die seit
1997 durch die langjährige Bekanntschaft des Sammlers und Unternehmers Reinhold Würth mit Günter Grass kontinuierlich Eingang
in die Sammlung gefunden haben.
Als weithin sichtbares Wahrzeichen wird 2027 ein Heißluftballon mit der ikonischen Zeichnung des trommelnden Oskar Matzerath aus
Die Blechtrommel aufsteigen. Der Heißluftballon wird von der Adolf Würth GmbH & Co. KG gesponsert und steht sinnbildlich für ein
Jubiläum, das literarisches Erbe mit Fantasie, Weltoffenheit und dem Signal für eine wehrhafte Zivilgesellschaft verknüpft.
Die Zeichnung des trommelnden Oskar stammt aus Grassʾ eigener Hand und steht beispielhaft für die Verbindung von Wort und Bild,
die sein künstlerisches Schaffen prägt. Diese Doppelbegabung betont auch Maria Würth, Geschäftsbereichsleiterin Kunst und Kultur der Würth-Gruppe, die das Festjahr begleitet: „Günter Grass war nicht nur ein großer Schriftsteller und ein politischer Geist, auch
als herausragender Maler, Bildhauer und Zeichner bewegt sein Werk bis heute. Mein Großvater Reinhold Würth, der ihn als Sammler
mehrfach traf und sich immer wieder mit ihm austauschte, schätzt sein Schaffen sehr. Demgemäß freuen wir uns auf viele anregende,
lebendige Begegnungen mit dem Werk von Günter Grass im Jubiläumsjahr und nicht zuletzt darauf, den ‚Blechtrommel‘-Heißluftballon
fahren zu sehen.“











