Die Alte Pinakothek München zeigt noch bis zum 5. Juni die Ausstellung „Wie Bilder erzählen“. Sie lenkt dabei den Blick des Publikums auf das zentrale Prinzip visueller Kommunikation: das Erzählen in Bildern. Werke von Albrecht Altdorfer bis Peter Paul Rubens werden thematisch im neuen Kontext gezeigt und verdeutlichen, wie Malerei seit dem 15. Jahrhundert narrative Strategien entwickelt und differenziert hat.
Ausstellungen
Die Präsentation vereint altdeutsche, altniederländische und flämische Malerei des 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Im Zentrum stehen Fragen nach Erzählinhalten, Bildaufbau und Ansprache des Publikums. Die präsentierten Werke zeigen, dass Bildgeschichten häufig mehrdeutig angelegt sind und die Betrachtenden durchaus bewusst auf falsche Fährten führen können.
Großformatige Altäre funktionieren als serielle Bildfolgen mit klar strukturierter Dramaturgie, während kleinformatige Darstellungen demonstrieren, wie stark sich Erzählungen durch Perspektive, Figurenauswahl und Details verdichten lassen. Lichtführung in Nachtstücken oder die Art der Platzierung von Figuren lenken den Blick und strukturieren unterschiedliche Handlungsebenen.

Michael Pacher (1435-1498): Kirchenväteraltar, Flügelaußenseite: Der Teufel weist dem hl. Augustinus das Buch der Laster vor, um 1480 Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München, Foto: BStGS, Sibylle Forster
Kultur
Das Begleitprogramm erweitert die Ausstellung um dialogische und performative Formate. Führungen, Workshops und interaktive Angebote greifen das Prinzip des Weitererzählens auf und übertragen es in unterschiedliche mediale und körperliche Ausdrucksformen.
Formate wie „Tell me more“ oder Theater-Workshops zeigen, wie sich Bildinhalte in Sprache, Bewegung und Szene übersetzen lassen. Dabei wird das Museum als Raum verstanden, in dem Geschichten nicht nur betrachtet, sondern aktiv entwickelt und verändert werden können.
Fototipps
Für Fotografie und Video wird deutlich, dass Blickführung eine zentrale Rolle spielt. Künstler der dargestellten Epochen nutzen Licht, Kontraste und die Anordnung von Figuren, um Aufmerksamkeit gezielt zu lenken und narrative Schwerpunkte zu setzen. Diese Prinzipien lassen sich direkt auf fotografische Bildgestaltung übertragen, etwa durch Lichtsetzung oder bewusste Komposition im Sucher.
Ebenso zeigt sich, dass ein einzelner Bildmoment ausreichen kann, um eine umfassende Geschichte anzudeuten. Viele Werke konzentrieren sich auf einen entscheidenden Augenblick, der sowohl Vorgeschichte als auch mögliche Fortsetzung impliziert. Diese Verdichtung ist auch für fotografische Arbeiten relevant, wenn es darum geht, narrative Spannung in einem Einzelbild zu erzeugen.
Ein weiteres Merkmal ist die beabsichtigte Offenheit von Bildinhalten. Mehrdeutige Szenen fordern zur Interpretation auf und binden Betrachtende aktiv ein. Gleichzeitig wird durch die Staffelung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund eine räumliche und inhaltliche Tiefe erzeugt, die komplexe Erzählstrukturen ermöglicht. Auch scheinbar nebensächliche Details tragen Bedeutung und erweitern die erzählte Geschichte um zusätzliche Ebenen.
Technik
Die in der Ausstellung gezeigten Werke verdeutlichen, dass technische Mittel stets der Narration untergeordnet sind. Perspektivkonstruktionen, Bildräume und Lichtführung werden eingesetzt, um gezielt Inhalte zu strukturieren und zu dramatisieren.
Diese Ansätze lassen sich direkt auf fotografische und filmische Werkzeuge und Gestaltungstechniken übertragen. Die Wahl der Brennweite beeinflusst die Wahrnehmung von Nähe und Distanz, während Licht gezielt zur Hervorhebung von Handlungselementen eingesetzt werden kann. Mehrteilige Bildwerke wie Flügelaltäre lassen sich zudem als Vorläufer moderner Storyboards verstehen, da sie narrative Abläufe in einzelne, aufeinander bezogene Szenen gliedern.
Fotoschule
Ein besonderer Zugang zur Vermittlung von Bildgeschichten entsteht durch das japanische Papiertheater Kamishibai, das im Begleitprogramm der Ausstellung eingesetzt wird. Dabei werden einzelne Bildtafeln nacheinander gezeigt und mündlich erzählt, wodurch eine klare Sequenzstruktur entsteht.
Für die fotografische Praxis eröffnet dieses Prinzip neue didaktische Möglichkeiten. Bildserien können gezielt als narrative Abfolge konzipiert werden, in der jedes einzelne Bild eine definierte Funktion innerhalb der Geschichte übernimmt. Gleichzeitig fördert die Kombination aus Bild und gesprochener Erzählung die bewusste Auseinandersetzung mit Dramaturgie und Bildauswahl.
Sowohl in Workshops als auch in der privaten Anwendung lassen sich fotografische Arbeiten auf diese Weise strukturiert präsentieren. Die Bilder werden nicht isoliert gezeigt, sondern in einen erzählerischen Zusammenhang eingebettet und im Austausch mit einem Publikum weiterentwickelt.
Fazit
Die Ausstellung macht deutlich, dass visuelles Storytelling auf wiederkehrenden gestalterischen Prinzipien basiert. Für Fotografie und Video liegt der Erkenntnisgewinn in der bewussten Organisation von Bildinhalten. Die Werke der Alten Meister bieten hierfür ein strukturiertes Repertoire, das sich auf zeitgenössische Medien übertragen lässt. Die Ausstellung „Wie Bilder erzählen“ wurde im Juni 2025 eröffnet und läuft noch bis zum 5. Juli 2026. (pinakothek.de).







