Shermans Charaktere spiegeln unsere zeitgenössische Kultur mit ihren Selfmade-Berühmtheiten, den Realityshows und dem Social-Media-Narzissmus wider. Die Künstlerin zeigt mit ihrer großen Bandbreite an Szenarien, dass die Künstlichkeiten solcher Identitäten, die oftmals erst durch die Darstellung – etwa in Film und Fotografie – entstehen, dazu führen, dass Identität mehr denn je wählbar, (selbst-)konstruiert und nach Bedarf formbar, aber doch von gesellschaftlichen Normen determiniert ist. Zugleich werden die neuen Möglichkeiten des heutigen Individuums sich selbst neu zu erschaffen, mit subtilen Mitteln kritisch hinterfragt.

 

008

 

 Samuel Fosso
The Liberated American Woman of the 70s, 1997 aus der Serie Tati
C-Print, 125 Å~ 125 cm | 49 1/4 Å~ 49 1/4 in.
© Samuel Fosso, courtesy Jean Marc Patras, Paris

 

 

009

 

 Candice Breitz
Becoming, 2003
14-Kanal-Video-Installation (7 2-Kanal-Video- Installationen), Größe variabel
Courtesy KOW Berlin Film-Stills: Alexander Fahl

 

Die Thematisierung von Identität, Selbstbildnis, Rollenspiel und Sexualität fand vorwiegend durch Künstlerinnen der 1960er- und 1970er-Jahre im Zuge der Frauenbewegung Eingang in die Kunst. Sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kunst ereignete sich in den späten 1960er-Jahren eine tiefgreifende Umwälzung gesellschaftlicher Normen und kultureller Gewissheiten. Die sich im Zuge dieser Ereignisse ankündigende Auflösung der bisherigen Normen und Kategorien – sei es weiblicher, männlicher, queerer Identitäten – kreierte Freiräume zur Erschaffung neuer Modelle abseits der bisher gültigen Normen.

Dieser Prozess, der maßgeblich auf medialer Ebene begleitet wurde und wird, ermöglicht es zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern neue Modelle von Identität zu schaffen, die Transformation der Geschlechter zu thematisieren und auf soziale und politische Herausforderungen zu reagieren. Bevorzugtes Ausdrucksmittel wurden die vergleichsweise jungen Medien Fotografie, Film und Videokunst.

 

016

 Eva Schlegel
untitled (021), 2003
Lamdaabzug, 120 Å~ 100 cm | 47 1/4 Å~ 39 3/8 in.
Courtesy Galerie Krinzinger, Vienna
© Eva Schlegel und Bildrecht, Wien 2020

 

Cindy Sherman, Ikone der Kunstgeschichte seit den 1980er-Jahren, demonstriert bereits mit ihrer ersten bedeutenden Serie „Untitled Film Stills“ (1977–1980) den Bruch zwischen authentischer Selbstdarstellung und Inszenierung, indem sie die Betrachtenden mit dem Paradox einer Verweigerungsstrategie konfrontiert. So inspiriert Sherman nachfolgende Generationen dazu, die Thematik Identität und Transformation in diversen Medien zu erkunden, ohne jedoch selbst einmal die erarbeiteten künstlerischen Verfahrensweisen zu verändern.

Die Ausstellung „The Cindy Sherman Effect. Identität und Transformation in der zeitgenössischen Kunst“ thematisiert in erster Linie die Perspektiven, die Cindy Sherman nachfolgenden Generationen von Künstlerinnen und Künstlern durch ihre Demaskierungsstrategien eröffnete, indem sie mit ihrem Spiel der Darstellung von gesellschaftlichen Bildern und Klischees Freiräume schuf, die nachfolgende Positionen nutzten, um die Hinterfragung von Identität in künstlerischer, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht voranzutreiben.

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:

Monica Bonvicini, Candice Breitz, Sophie Calle, Samuel Fosso, Douglas Gordon, Martine Gutierrez Elke Silvia Krystufek, Sarah Lucas, Maleonn, Zanele Muholi, Catherine Opie, Pipilotti Rist, Julian Rosefeldt, Markus Schinwald, Eva Schlegel, Tejal Shah, Cindy Sherman, Fiona Tan, Ryan Trecartin, Wu Tsang, Gavin Turk, Gillian Wearing